Ich bin gerade völlig paralysiert

Eine Woche Schule kann viel bewegen, im positiven – leider auch im negativen Sinn.

Und jede einzelne Situation, in der sich mein Murksel (männlich 8 Jahre) in der letzten Woche befunden hat, reicht in meinen Augen für ein Buch: So funktioniert Schule für traumatisierte Kinder nicht. 

Kurz zur Vorgeschichte: Die Schule ist informiert über die Situation des Kindes. Ich habe soviel Einzelheiten weitergegeben, wie ich glaubte, die Lehrer könnten es ertragen. Habe – da die Schule drei meiner Kids beheimatet einen kleinen Vortag in der Lehrerkonferenz gehalten, wie sich Trauma auswirkt. 

Da Murksel in der ersten Klasse häufig in Wutausbrüche verfiel, begleite ich ihn soweit möglich in den  ersten ein bis zwei Stunden und bemühe mich ständig mit der Schule im Gespräch zu sein. Im Laufe der Woche hat die Schule kein Gespräch mit mir gesucht. Das was jetzt kommt berichtete Murksel, als ich feststellte, dass er ungewohnt aggressiv war.

Akt 1 – Montag: Die Englisch Lehrerin der Klasse teilt einen Stammbaum aus. Murksel geht durchgehend in den Widerstand. Weigert sich in einer für seine Verhältnisse deutliche Art und Weise. Zu Hause sprechen wir darüber, wer für ihn seine Eltern sind, er trägt unsere Namen ein. Mein anschließendes Grspräch mit der Lehrerin fruchtet scheinbar nicht, wie der Mittwoch zeigen wird.

Akt 2 – Dienstag: Eine Praktikantin besucht die Klasse und nachdem ich die Klasse verlassen habe, setzt sie sich auf den Platz, auf dem ich vorher saß, direkt hinter ihn. Für ein sexuell missbrauchtes Kind – wovon die Schule Kenntnis hat, eine untragbare Situation. Er fordert sie freundlich auf, sich woanders hinzusetzen. Ohne Erfolg! Als er sie anschreit, wird er von seiner Klassenlehrerin ermahnt, dass in ihrem Klassenraum so nicht mit Gästen gesprochen würde. Die anschließende Komplettleerung seines Schultisches halte ich für einen sehr netten Hinweis des Kindes an seine Umwelt.

Akt 3 Mittwoch: Die Englischlehrerin macht weiter mit ihrem Stammbaum. Weigerungverhalten des Kindes wird mit Anschreien belohnt. Am Ende des Unterrichtes soll die Klasse gemeinsam in einen anderen Klassenraum. Da sich Murksel unsicher fühlt, will er dem Pulk am Türeingang entfliehen und wartet, bis sich dieser auflöst. Seine Langsamkeit wird mit dem Satz belohnt: „Wenn Du jetzt nicht gehst muss ich Dich hier bis Schulschluss einsperren.“ Ich vermute zum Wohle der Lehrerin, sie hat es als Scherz gemeint. Soo witzig, für ein Kind, dass genau das erlebt hat. Was die Lehrerin wissen sollte.

Direkt anschließend ist Musikunterricht. Der sowie so aufgeregte Murksel geht mit einer Lehrerin in einen Streit, wie eine Regel, die in der Klasse gilt, in ihrem Unterricht aus zu legen sei. Das anschließende Wortgefecht führt direkt in ein gemeinsames Anbrüllen. Überigens nicht gestartet vom Kind, sondern von der Lehrerin.

Akt 4 – Donnerstag: Die Klassenlehrerin ist nur kurz da, da sie eine Fortbildung hat. Dies ist ihr zwar lange bekannt, eine Mitteilung an die Kinder scheint nicht stattgefunden zu haben oder von Murksel überhört worden zu sein. Als er sich – als ihm das bewusst wird, versucht, sich bei der Lehrerin zu versichern. Seiner Meinung nach steht er ganz lange da, während sich die beiden Lehrerinnen unterhalten. Als eine dritte Lehrerin erscheint, um die Klassenlehrerin ab zu holen, sieht er seine Felle schwimmen und drängt auf ein Gespräch. Statt seine Klassenlehrerin zu erreichen, zerrt ihn die Ersatzlehrerin beiseite und mault ihn an, er solle gefälligst warten, bis seine Klassenlehrerin weg sei, dann hätte sie Zeit für ihn. Körper Kontakt von fremden Menschen ist die beste Idee überhaupt!

Akt 5 – Freitag: Es kommt im Klassenraum zu einem Gerangel mit einem anderen Schüler, im Zuge dessen es zu heftigeren Handgreiflichkeiten kommt. Murksel bittet die Klassenlehrerin an zu sprechen, dass Kloppen im Klassenraum nicht erlaubt sei. Sie verspricht ihm dies. Als sie zum Ende der Stunde dem Versprechen nicht nachgekommen ist, nutzt er einen recht persönlichen Moment, sie auf diese Versäumung hin zu weisen. Sie weist dies brüsk von sich. Die anschließende Schimpftirade kommentiert sie mit den Worten: Hier im Klassenraum reden wir nicht so!

Es wäre so einfach, Schule traumasensibel zu gestalten! Und viele der Dinge ließen sich auch im Nachhinein lösen. Ich kenn meinen Murksel, er hätte verziehen, wenn ein – Sorry, nicht nachgedacht oder ein kannst Du mir erklären, was los ist gekommen wäre, aber auch dazu scheint keine Zeit in der Schule von heute zu sein.

Dann allerdings möchte ich kein Plakat mit meinen Versäumnissen lesen!

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Bin ich ein guter Vater

Die gute feierSun hat in ihrem Blog einen schönen Artikel dazu geschrieben, dass sie sich manchmal als schlechte Mom fühlt, weil es Tage gibt, an denen alles schief läuft, sie schlecht gelaunt ist. Reichlich verkürzt ausgedrückt.

Wie einige wissen, lebe ich mit Kindern zusammen, die mir erklären können, was schlechte Eltern sind. Und da geht es um ganz andere Dinge.

Liebe feierSun, sag mal, wo soll Dein Kind lernen, dass Menschen auch mal schlechte Laune haben können? Dass man sich auch mal streiten darf? Dass im Leben auch manchmal etwas schief geht?

Und das alles, ohne dass das Gefühl zwischen Euch in Frage gestellt wird. Ohne dass die Beziehung zerstört ist!

Das kann ein Kind nur im gesicherten Rahmen der Familie erlernen. Im Gegenteil sind es die Eltern, die endlose Geduld zeigen die, die ich als anstrengend empfinde, die – weil sie glauben es würde ihren Kindern schaden – ihre Gefühlsregungen ständig unter Kontrolle haben. Ihre Kinder werden auf schlecht gelaunte Menschen treffen und dann keinen Weg haben, mit den entstehenden Gefühlen um zu gehen.

Bin ich trotzdem ein schlechter Vater? Klar, einer der schlechtesten. Weil ich manchmal nicht in der Lage bin, vollständig konsequent in meinem Handeln zu sein. Weil es Situationen gibt, wo ich mich vor meine Kinder stellen sollte, es aber nicht schaffe, weil ich Konsequenzen, die sich daraus ergeben nicht zu tragen bereit bin. Weil es mir manchmal passiert, dass ich die Nöte meiner Kinder nicht sehe und erst im Nachhinein verstehe, warum das Kind die eine oder andere Sache nicht schaffen konnte.

Und doch wird später irgendwo stehen, er hat sich ständig bemüht. Im Zeugnis eine schlechte Note, als Eltern wahrscheinlich die beste, die wir kriegen können, denn darauf kommt es an.

Pubertät – Schrecken ohne Ende, oder …

Immer wieder liest und hört man, wie schrecklich die Pubertät für Eltern ist. Stimmt sicherlich, wenn es derart viele Ratgeberbücher zu dem Thema gibt. Komisch nur, dass ich es völlig anders wahrnehme und das nicht erst, seit ich mit Pflegekindern zusammenlebe. Schon bei meinem großen Sohn – heute mit 23 kurz vor dem Eintritt in ein endlich selbstbestimmtes Leben – habe ich diese irrsinnigen Probleme nicht entdeckt.

 Ja, da gibt es emotionalen Schübe – ziemlich unvorhersehbar und heftig; kann man sich darauf einstellen, ohne das Gesicht zu verlieren. Und vor allem, wenn ich es geschafft habe, auch meinen Anteil am Streit zu sehen, konnten wir später regelmäßig herzlich darüber lachen.

Ja, gleich heißt in dieser Zeit noch häufiger morgen oder garnicht als sonst, oder ist es die Rache der Kleinen an uns, an die vielen vielen gleich, die wir ihnen gegeben haben und die Ihnen unendlich lang vorkamen?

Ja, das gesprochene Wort verliert so sehr an Bedeutung, dass man manchmal glaubt, die direkte Verbindung zwischen Hirn und Ohr wäre gekappt. Aber hey, wer sagt denn, dass alles beim ersten Mal ankommen muss.

Ja, Diskussionen führen oft in heftige Emotion. In unserer Familie werden emotionsreiche Diskussionen immer zwei geteilt geführt. Teil A -> runterkommen -> Teil B. Wiederholung bis Einigung, wenn nötig und möglich.

Ja, die Ordnung des eigenen Lebensbereiches hat einen anderen Stellenwert als bei den blöden Erwachsenen, aber mit Geduld und Spucke, gestalten Sie diesen dann auch wirklich selbst und wollen nicht, dass Mama Blumen in die Ecke malt.

Ja, laute Musik bekommt eine neue, terrorähnliche Bedeutung, aber haben wir nicht auch Parties in der Nähe der Bassboxen verbracht?

Ja, da kommen plötzliche Wertediskussionen auf – extrem, wortreich und emotional vorgetragen; da habe ich mich selbst viel zu oft wiedererkannt und vor allem hatten wir als Familie vieles zu bereden und zu diskutieren. Und ich habe an diesen Abenden vieles von und über meinen Sohn gelernt.

Ja, da wird man in einem Moment abgestoßen und im nächsten herbeigesehnt; aber hey, das können wir Eltern doch aushalten, oder?

Aber – und das ist für mich das entscheidende, es entsteht in dieser Zeit auch soviel Verständnis, soviel mehr an Reflexion, dass es hilft, gemeinsam über Dinge nach zu denken, anstatt Regeln vor zu geben. Das mehr an Reflexion, das da in kürzester Zeit entsteht lässt mich jedesmal staunend zurück!

Wo ist das kleine Kind hin, das den Schoß eines Elternteiles braucht, um Sicherheit zu brauchen? Wo die Hilfslosigkeit? Woher hat er oder sie plötzlich all diese Vorstellungen davon, wie unsere Welt funktioniert?

Und trotzdem gibt es gerade in dieser Zeit unheimlich intensive Momente des Zusammenseins. Momente, in denen man deutlich spürt, wie wichtig den Kindern der Respekt vor ihrer Meinung und ihren Werten ist und ich möchte sie nicht missen.

Und vor allem gerade in dieser Zeit des Umbruchs und der Neusortierung brauchen unsere Kids starke, reflektierte und empfindsame Eltern, nicht welche, die Angst vor der neuen Lebensperiode haben. Sie werden es Euch danken!

Gegen die Verschwurbelung der Traumapädagogik

Es ist schon eigenartig, aber immer wenn es um wirklich schwierige Themen geht, dann gibt es eine Sorte Mensch, die gerade an diesen Problemen anderer Menschen Geld verdienen möchten. Ein typisches Beispiel hierfür sind traumatisierte Kinder. Die Recherche im Internet fördert ohne lange Suche eine Unzahl möglicher einfacher Lösungen zu Tage für ein Phänomen, dessen Lösung völlig kostenlos, aber halt sehr sehr zeitaufwendig ist. 

Nicht nur, dass inzwischen Homöopathische Mittel gegen Trauma existieren 

(http://www.paracelsus-magazin.de/alle-ausgaben/41-heft-032010/211-homoeopathie-in-der-trauma-behandlung.html), da wird Engeln eine Trauma Heilung zugesprochen (http://www.spirits-of-earth.de/seelenanteile.html), werden die neueste Erkenntnisse der Lithotherapie gewürdigt (http://www.fu-qi-sun.com/pdfs/lithotherapie.pdf) und vieles mehr. Gerade in der Arbeit mit traumatisierten Menschen ist es für sehr gefährlich, diesen „unwissenschaftlichen Glaubenssystemen“ Beachtung zu schenken. Die Arbeit mit traumatisierten Menschen ist geprägt von dem Versuch, Menschen ihre Selbstwahrnehmung und Selbstwirksamkeit aufzuzeigen und zurückzugeben. Die Erfahrungen traumarisierter Menschen zeichnen sich durch Fremdbestimmung und einer komplett durcheinander geratenen Gefühls- und Umwelt aus. Nicht nur, dass das oder die Ereignisse selbst dadurch gekennzeichnet sind, dass ihre Flucht in die Psyche verlegt werden mußte, da sie in der Realität nicht vollziehbar war, nein auch ihre posttraumatischen Symptome dem Opfer deutlich, wie wenig sie Kontrolle über ihr Selbst und ihr Leben zu haben scheinen. 

Und dann postulieren selbsternannte „Therapeuten“, dass Spiritualität das Heil der Patienten sei. Und das, obwohl Spiritualität das Gegenteil von Selbstbestimmung darstellt. Ein traumarisiertes Kind sagte mir einmal: „Einen lieben Gott kann es nicht geben, weil der hat ja auf mich nicht aufgepaßt!“ Und ich möchte hinzufügen: „Auch keine Engel, Einhörner, indianische Götter oder sonstige Wesen, die sich Deiner Seele bemächtigen.“ Nein, es ist das Trauma, dass all das Chaos produziert, hervorgerufen durch eine Umwelt, die nicht mehr ertragbar war oder ist. 

Die moderne Traumatherapie – selbst oder gerade bei Kindern – sieht einen wesentlichen Bereich der Heilung in der Psychoedukation. Darin, durch die Erklärung der neurologischen Phänomene den Betroffenen aufzeigen, dass ihr eigenes Gehirn es ist, dass sie in bestimmte Reaktionen zwingt. Aber auch, dass sie es sind, die diese Reaktionen überwinden können. Die Erkenntnis, dass es eine natürliche Reaktion des Körpers ist, die zugleich Schutz und Ursache für die eigenen Probleme darstellt ist es, die den Kindern hilft, sich weiter zu entwickeln.

Aber genauso negativ zeigen sich „Heilkünste“, die den Kindern helfen sollen. Zum einen sind die Einsätze der Heiler nicht ohne erhebliche finanzielle Aufwendungen zu erlangen. Des Weiteren lenken Heilkünste alle Betroffenen auf eine völlig falsche Fährte. Hier geht es nicht um eine Krankheit, genannt Trauma, die bei der Einnahme irgendeines Mittels verschwindet. Das was helfen würde, ist es Beziehungen zu schaffen und mit der Geduld einer Wassermühle immer wieder aufzeigen, dass es auch eine Welt gibt, die nicht von Schrecken und Unsicherheit geprägt ist, sondern von Sicherheit, Vorhersagbarkeit und Schutz. Die Betroffenen sind nicht krank, auch wenn sie einer Therapie bedürfen. Es kann passieren, dass das Erlebte die Menschen so sehr erschüttert, dass sie Psychopharmaka benötigen, um ihre Ängste unter Kontrolle zu bekommen, um überhaupt die ersten Schritt in ihre Umgebung zu wagen. Es kann sein, dass es zu körperlichen Symptomen kommt, die genauso ernst zu nehmen sind, wie ihre seelischen Symptome, auch hier kann zur Linderung Medizin helfen. Aber das Trauma können nur die Menschen selbst überwinden und irgendwelche Zaubermittel helfen hierbei nicht nur nicht, sondern lenken die Hoffnung in eine Richtung aus der keine Rettung zu erwarten ist.  

Den Blick von den Kindern auf die Einnahme eines Medikamentes, einen Engel oder eine sonstige Handlung zu lenken nimmt den betroffenen Familiensystemen die Chance, die Bedeutungsebene hinter den von den Kindern gezeigten Verhaltensweisen zu erkennen. Aber gerade die Einnahme dieser „Metaebene“ erlaubt es den Systemen, das eigene Handeln an die Bedürfnisse der Kinder an zu passen. 

Es wäre auch interessant zu untersuchen, welche Auswirkungen auf das eigene Körpergefühl die Einnahme von Schein-Medikamenten zur Linderung von Symptomen hat. Es mag aufgrund von mangelnder Wirkmächtigkeit von Homöopathie, Bachblüten und anderer Mittel keine Spätfolgen auf körperlicher Ebene geben, aber wie reagiert zum Beispiel ein selektiv mutistisches Kind darauf, dass es immer, wenn der Mutismus auftritt ein Medikament verabreicht bekommt. Ist die Feststellung der Gefahr einer Gewöhnung an medikamentöse Behandlung wirklich abwegig?

Die Leiden der Betroffenen sind häufig zu quälend, um den Beginn der echten Hilfe heraus zu zögern. Noch schlimmer wirken sich die vielen esoterischen Heilsversprechen innenwohnende Selbstprophezeiung aus. Dir geht es nicht besser? Dann hast Du nicht genug geglaubt, getrommelt, noch viele weitere ungelöste Probleme, oder, oder, oder. Im Endeffekt bleibt der Betroffene auf seinem Problem sitzen, nur diesmal wurde er geschickt aus der Rolle des Opfers in die Rolle des Täters gedrängt. Gerade bei psychisch angeschlagenen ein folgenschweres Phänomen.

Mit all dem sind nicht die kleinen Hilfsmittel gemeint, die jeder einfühlsame Pädagoge nutzt, um Kindern ein kleines Stückchen Sicherheit zu geben. Auch bei uns gibt es Traumfänger. Ja, sie werden sogar weggeworfen, wenn sie voll sind und nicht mehr wirken. Aber wenn die größeren Kinder beginnen zu verstehen, dass Feenstaub und Anti-Angst-Spray halt doch nur Sand und Parfüm sind, beginnt der eigentliche Spass, der Prozess der Erkenntnis, dass sie es selbst waren, die den Staub oder das Spray wirksam gemacht haben. Mit ihrem eigenen – unheimlich mächtigen Ding, genannt Gehirn. Sie selbst! Nicht irgendeine nicht durchschaubare Macht. Ihnen zu erklären, dass sie selbst diese Angst hervorrufen, dass es aber nicht ihre Schuld ist, dass es so ist, sondern jeder Mensch genauso funktioniert wie sie, ist der eigentliche große Schritt. Nicht das Spray, dass hilft in den Flur zu gehen, obwohl er aufgrund der Dunkelheit so schrecklich wirkt.

Ein weiteres Risiko birgt die nicht vorhandene traumasensible Ausbildung der „Heiler“. Allein die Vorstellung, dass ein Mensch, ohne Traumasensibilität sich mit „ganzheitlichen Untersuchungsmethoden“ über Familienaufstellungen, Befragungen, Tarotkarten, Hypnose oder ähnlichen Methoden, den traumatischen Ereignissen eines Kindes nähert, läßt Experten erschauern. Eine Retraumatisierung ist nicht nur möglich, sie ist eher zu erwarten.

Die Problematik erscheint aber aktuell noch schwerer zu werden. Fast alle Begriffe des Bereiches Trauma und Traumpädagogik werden durch unwissenschaftliche „Heiler“ missbraucht. Da werden Traumta gesehen, welche durch die Einnahme von MMS (Chlorbleiche) durch den Körper endlich bearbeitet werden können (https://faszinationmensch.com/2013/11/09/mms1/). Oder es zeigen sich Traumata durch die Betrachtung von Chakren (http://www.chakren.net/bedeutung/emotionaler-koerper/)

 Begriffe, wie Achtsamkeit, Trauma, … werden längst von esoterischen Trittbrettfahrern missbraucht für die Erklärung der eigenen Heilslehre oder als Grundlage der Heilsversprechen angesehen.

Ich wünschte manchmal, die Traumpädagogik würde sich von den bisher definierten Begriffen abwenden und neue erschaffen, um sich nicht mehr als Transporter für all diese Trittbrettfahrer ausnutzen zu lassen. Zumindest jedoch denke ich, sie muß sich klar distanzieren, wenn sie ernst genommen werden will im Kanon der wissenschaftlichen Pädagogik. 

Meine Kanarienvögel

Früher wurden Kanarienvögel mit ins Bergwerk genommen, um zu sehen, ob es giftige Gase gibt, die die Menschen im Bergwerk gefährden.

Kinder mit einer Traumatisierung haben in ihrem Leben sooft erlebt, dass die Stimmungsschwankungen ihrer Umwelt direkten Einfluss auf sie haben, dass sie diese Umwelt ständig intensiv scannen. Jede kleinste Unruhe, Unsicherheit oder Angst wird wahrgenommen und darauf reagiert. Meist, bevor die Gescannten selbst wissen, was los ist, reagieren sie. Nur leider ist dies der Umwelt meist gar nicht bewusst und verlegt die Reaktion in die Kinder. Macht aus der Reaktion eine Aktion.  

Und es ist auch alles andere als einfach. Wir alle verdrängen Ängste, versuchen aufregende Zeiten durch innere Ruhe zu überstehen, oder trotz großer Traurigkeit den Alltag zu überstehen, bis Zeit für die Traurigkeit ist. 

Tja, all das funktioniert, wenn man mit traumatisierten Kids zusammenlebt nur eher schlecht, besser gesagt garnicht. Denn sie bemerken Deine Unsicherheit, selbst wenn Du sie noch nicht wahrhaben willst oder kannst. Andererseits hilft es auch: Es gibt kein Problem, dass man schieben kann bis ins unendliche. Der Versuch wird mit aggressiven, wütenden, aufgeregten Kindern bestraft.

Soweit zur eigenen Familie, aber der Scan der Kids macht vor Kiga oder Schule, Freunden und Bekannten natürlich nicht halt. Eigentlich für die betroffenen Stellen super, wenn sie sich darauf einlassen würden. Sie haben einen Kanarienvogel im Bergwerk, der exakt anzeigt, wie es um die Stimmung in der Gruppe steht. Verlässlich in seinen Vorhersagen und mit einer frühzeitigen Signalisierung. Aber leider vertrauen sie – anders als die Menschen, die die Kinder wirklich kennen – nicht darauf. Stattdessen wird aus der Wirkung die Ursache. 

Und so wird aus dem Kanarienvogel der Sündenbock, dass für die Unruhe in der Gruppe verantwortlich gemacht wird. 

Ich konnte dies leidvoll beobachten, als Begleiter eines Kindes im Schulbereich. In all der Zeit war das Kind nicht ein einziges Mal der Auslöser für die Geschehnisse in der Klasse. Aber immer war es scheinbar beteiligt. Jede aufgeregte Situation, jeder Streit, jede Wut des Kindes hatte eine Ursache innerhalb der restlichen Gruppe. Und doch wurde das Kind für die Unruhe verantwortlich gemacht.

Arbeitsamt: Männer arbeiten Vollzeit!

Das was ich vom Arbeitsamt erwartet habe, ist nicht besonders viel. Das, was ich erlebt habe, ist mehr als unterirdisch!

Also gut, arbeitssuchend melden – nötige Unterlagen besorgen – Unterlagen ausfüllen – WOW, geht inzwischen mehr recht als schlecht online – dann Termin Antrag einreichen

Das war wirklich schon eine Zumutung. Sobald ich den Antrag abgab, ging mein Gegenüber davon aus, dass was fehlt und pampte mich unfreundlich an. „Da fehlt ihre Seite vier!“ „Mit ihrer Seite vier kann ich nichts anfangen, ihr Onlineformular sagte mir, alles sei OK!“ „“Das werden wir ja sehen!“

Na die Seite vier war nie wieder Thema, also gehe ich davon aus, dass mein Antrag vollständig war, oder mein stoisches freundliches Lächeln diese Seite beinhaltet.

„Die Frist an ihren Arbeitgeber ist mit 2 Wochen viel zu kurz!“ Meine Erklärung spielte keine Rolle, denn der unnette Herr machte einfach weiter.

Dann ca. 3/4. Stunde Ruhe nur unterbrochen von Tastentippen oder Druckergeräusche. Dann die Mitteilung, dass ich die Summe x erhalte und der vorläufige Anrtag mir zugehe. Keine Ahnung, wofür ich da war, wahrscheinlich, um den Parkplatz zu füllen und freundlich zu lächeln zu üben.

Nächster Termin meine Vermittlerin. Termin 9:00 Uhr. Ich habe eine 3/4. Stunde vor der Tür gewartet. Über die Verspätung verlor die Mitarbeiterin kein Wort. Wir gingen gemeinsam meinen Lebenslauf durch, einige Stationen wurden nochmal nachgefragt, um dann mitzuteilen, dass mein Fall sehr schwierig sei.

„Wieso schwierig?“

 „Eine Teilzeitstelle, kann ich Ihnen hier nicht vermitteln.“ 

„Warum?“ 

Ü“Was soll ein Arbeitgeber denn mit Ihnen anfangen?“

„Mhm“

„Wissen sie, Teilzeit das machen nur Frauen! Da könnte ich vermitteln!“

„Hmm?“

„Wir haben hier im Haus eine zweite Vermittlungsabteilung für schwere Fälle!“

„Aha!“

„Die nennt sich Integrationsteam. Aber das ist nur der Name! Die sind halt für die schweren Fälle.“

„Ich verstehe immer noch nicht die schwere meines Falls!“

„Das liegt einfach an Ihrer Qualifikation, mit ihrer Ausbildung will sie kein Arbeitgeber nur morgens. Bei Frauenberufen wäre das anders!“

„Frauenberufen?“

„Na Verkäuferin oder Friseuse oder pflegende Berufe!“

„Klingt für mich jetzt ziemlich dumm und sexistisch.“

„Nein, dass ist halt so!“

„Könnten wir vielleicht darüber sprechen, dass mein Ziel nicht die Rückkehr in meinen Beruf ist?“

„Ich habe gesehen, Traumapädagoge, dafür gibt es keine Stellen!“

„Aha, aber die Flüchtlingsproblematik …“

„Das müssen Sie schon mir überlassen. Ich habe einen guten Überblick. Unser Ziel ist es, sie schnell wieder zu vermitteln.“

„Hmmh? Nochmals zurück zu meiner Teilzeit! Wo sehen sie das Problem?“

„Arbeitgeber erwarten von Männern Vollzeit!“

„Aha!“