Ich bin gerade völlig paralysiert

Eine Woche Schule kann viel bewegen, im positiven – leider auch im negativen Sinn.

Und jede einzelne Situation, in der sich mein Murksel (männlich 8 Jahre) in der letzten Woche befunden hat, reicht in meinen Augen für ein Buch: So funktioniert Schule für traumatisierte Kinder nicht. 

Kurz zur Vorgeschichte: Die Schule ist informiert über die Situation des Kindes. Ich habe soviel Einzelheiten weitergegeben, wie ich glaubte, die Lehrer könnten es ertragen. Habe – da die Schule drei meiner Kids beheimatet einen kleinen Vortag in der Lehrerkonferenz gehalten, wie sich Trauma auswirkt. 

Da Murksel in der ersten Klasse häufig in Wutausbrüche verfiel, begleite ich ihn soweit möglich in den  ersten ein bis zwei Stunden und bemühe mich ständig mit der Schule im Gespräch zu sein. Im Laufe der Woche hat die Schule kein Gespräch mit mir gesucht. Das was jetzt kommt berichtete Murksel, als ich feststellte, dass er ungewohnt aggressiv war.

Akt 1 – Montag: Die Englisch Lehrerin der Klasse teilt einen Stammbaum aus. Murksel geht durchgehend in den Widerstand. Weigert sich in einer für seine Verhältnisse deutliche Art und Weise. Zu Hause sprechen wir darüber, wer für ihn seine Eltern sind, er trägt unsere Namen ein. Mein anschließendes Grspräch mit der Lehrerin fruchtet scheinbar nicht, wie der Mittwoch zeigen wird.

Akt 2 – Dienstag: Eine Praktikantin besucht die Klasse und nachdem ich die Klasse verlassen habe, setzt sie sich auf den Platz, auf dem ich vorher saß, direkt hinter ihn. Für ein sexuell missbrauchtes Kind – wovon die Schule Kenntnis hat, eine untragbare Situation. Er fordert sie freundlich auf, sich woanders hinzusetzen. Ohne Erfolg! Als er sie anschreit, wird er von seiner Klassenlehrerin ermahnt, dass in ihrem Klassenraum so nicht mit Gästen gesprochen würde. Die anschließende Komplettleerung seines Schultisches halte ich für einen sehr netten Hinweis des Kindes an seine Umwelt.

Akt 3 Mittwoch: Die Englischlehrerin macht weiter mit ihrem Stammbaum. Weigerungverhalten des Kindes wird mit Anschreien belohnt. Am Ende des Unterrichtes soll die Klasse gemeinsam in einen anderen Klassenraum. Da sich Murksel unsicher fühlt, will er dem Pulk am Türeingang entfliehen und wartet, bis sich dieser auflöst. Seine Langsamkeit wird mit dem Satz belohnt: „Wenn Du jetzt nicht gehst muss ich Dich hier bis Schulschluss einsperren.“ Ich vermute zum Wohle der Lehrerin, sie hat es als Scherz gemeint. Soo witzig, für ein Kind, dass genau das erlebt hat. Was die Lehrerin wissen sollte.

Direkt anschließend ist Musikunterricht. Der sowie so aufgeregte Murksel geht mit einer Lehrerin in einen Streit, wie eine Regel, die in der Klasse gilt, in ihrem Unterricht aus zu legen sei. Das anschließende Wortgefecht führt direkt in ein gemeinsames Anbrüllen. Überigens nicht gestartet vom Kind, sondern von der Lehrerin.

Akt 4 – Donnerstag: Die Klassenlehrerin ist nur kurz da, da sie eine Fortbildung hat. Dies ist ihr zwar lange bekannt, eine Mitteilung an die Kinder scheint nicht stattgefunden zu haben oder von Murksel überhört worden zu sein. Als er sich – als ihm das bewusst wird, versucht, sich bei der Lehrerin zu versichern. Seiner Meinung nach steht er ganz lange da, während sich die beiden Lehrerinnen unterhalten. Als eine dritte Lehrerin erscheint, um die Klassenlehrerin ab zu holen, sieht er seine Felle schwimmen und drängt auf ein Gespräch. Statt seine Klassenlehrerin zu erreichen, zerrt ihn die Ersatzlehrerin beiseite und mault ihn an, er solle gefälligst warten, bis seine Klassenlehrerin weg sei, dann hätte sie Zeit für ihn. Körper Kontakt von fremden Menschen ist die beste Idee überhaupt!

Akt 5 – Freitag: Es kommt im Klassenraum zu einem Gerangel mit einem anderen Schüler, im Zuge dessen es zu heftigeren Handgreiflichkeiten kommt. Murksel bittet die Klassenlehrerin an zu sprechen, dass Kloppen im Klassenraum nicht erlaubt sei. Sie verspricht ihm dies. Als sie zum Ende der Stunde dem Versprechen nicht nachgekommen ist, nutzt er einen recht persönlichen Moment, sie auf diese Versäumung hin zu weisen. Sie weist dies brüsk von sich. Die anschließende Schimpftirade kommentiert sie mit den Worten: Hier im Klassenraum reden wir nicht so!

Es wäre so einfach, Schule traumasensibel zu gestalten! Und viele der Dinge ließen sich auch im Nachhinein lösen. Ich kenn meinen Murksel, er hätte verziehen, wenn ein – Sorry, nicht nachgedacht oder ein kannst Du mir erklären, was los ist gekommen wäre, aber auch dazu scheint keine Zeit in der Schule von heute zu sein.

Dann allerdings möchte ich kein Plakat mit meinen Versäumnissen lesen!

2 Gedanken zu “Ich bin gerade völlig paralysiert

  1. Genauso hat es mein Pflegesohn auch teilweise erlebt. Vielleicht mit weniger anschreien, da er selbst sehr still ist.
    Dafür in der 1. Klasse eine Lehrerin, die mit dem Zeigestock an die Tafel schlug. Und sie wusste, dass sie 6 Pflege- und Heimkinder in der Klasse hatte.
    Direkt Ahnung hatte keine einzige seiner Lehrerinnen. Die wenigen Lehrer haben immerhin einen Draht zu ihm gefunden.
    Und bei ihm waren nie mehr als 12 Kinder in einer Klasse.
    Ich könnte noch stundenlang weiterschreiben.
    Übrigens fehlt auf einmal der Artikel über das Verheizen der Pflegeeltern.

  2. Das ist leider in meinen Augen das genauso schlimme. Die stillen Kids gehen oft völlig unter. Die, die laut sind wehren sich wenigstens, die Konflikte kommen zu tage. Unsere kleine ist auch so ein stilles Kind. Statt in den Konflikt zu gehen, dissoziiert sie, flüchtet in ihre „Statue“, wie sie sie nennt. Mit dem Ergebnis, dass wir nur etwas mitbekommen, wenn es ganz ganz schlimm ist ;-(

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