Wenn Pflegeeltern missbraucht werden

Ich bin selber Pflegevater, mit ganzem Herzen. Aber das, was mir in letzter Zeit von verschiedenen Jugendämtern berichtet wurde macht mich wütend.

Das was immer wieder deutlich wird, ist der Primat der Wirtschaftlichkeit vor der Sinnhaftigkeit. Aus dieser Sicht sind Pflegeeltern für die Jugendhilfe aus folgenden Gründen unverzichtbar:

  • Pflegeeltern sind billig! Nur so können Einsparung in der Jugendhilfe erzielt werden.
  • Pflegeeltern kämpfen solange es geht, obwohl  ihnen wenig Geld gezahlen.
  • Ja, in der Pubertät fliegen uns 30-40% der Fälle um die Ohren, das wird dann teuer, aber bis dahin haben Jugendämter massiv Geld eingespart!
  • Es muß dafür gesorgt werden, dass Pflegekinder maximal bis 18 Jahren in der Familie bleiben. Wenn später noch Betreuung gebraucht wird, liegt das daran, dass die Pflegeeltern nicht loslassen können.
  • Statt Heimkosten muß bei Pflegeeltern nur die Pauschale der Kosten der Erziehung gezahlt werden. Super!
    Ersparnis: knapp 1000-2000€ monatlich.
  • Wenn jetzt sagen wir mal positiv 30% der Pflegeeltern scheitern und die Kinder dann doch in ein Heim müssen, entstehen erst dann – mit Sicherheit höhere Kosten, da Kinder, die in Pflegefamilien gescheitert sind oft zum zweiten Mal traumatisiert werden. Aber das macht ja nichts.

Diese Betrachtung macht mich wütend, nicht nur aus den offensichtlichen Gründen, der Verachtung den Bedürfnissen der Kinder gegenüber. Da werden Kinder, die bei professioneller Unterbringung eine Chance gehabt hätten, irgendwie ein Teil der Gesellschaft zu werden, der aktuellen Kostenersparnis geopfert. Es ist egal, was aus ihnen wird, die sind schon alle resilient.

Das was mich zusätzlich wütend macht, ist, dass hier die Pflegeeltern missbraucht werden, die sozialen Missstände unserer Gesellschaft auszugleichen. Und dass in vielen Fällen die Grundmotivation: ein Kind haben zu wollen, ausgenutzt wird, um das Stadtsäckel praller werden zu lassen.

In den 70er Jahren wurden Pflegeeltern reaktiviert, da zu viele Kinder in Heimen untergebracht waren. Und Heim ist nicht Familie und kann Familie auch nicht ersetzen. Gerade kleine Kinder können es schaffen, noch einmal Familie anders heilend zu erleben. Dazu bedarf es aber guter Unterstützung und ein gutes System an unterschiedlichen Hilfsangeboten:

  • Diagnosestellen, die klären, wo liegen die Probleme des Kindes.
  • Therapeuten, die sich mit Trauma auskennen – und sich nicht nur nebenbei mal ein wenig damit befasst haben.
  • Berater, die sich mit dem aktuellen Stand der Pflegekinderforschung auskennen, die nicht glauben, weil es Kinder gibt, die sich durchkämpfen ist Resilienz weit verbreitet.
  • Heime, für die Kinder, bei denen das Jugendamt zu lange abgewartet hat, die nicht mehr in ein Familiensystem passen
  • Pflegeeltern, die sich weiterbilden und denen die Chance dazu auch gegeben wird.
  • Und vor allem – und das ist im Pflegekinderwesen bisher komplett unüblich – Coaches, die regelmäßig eine Supervision mit den Pflegeeltern machen.

Das was gerade in den letzten Jahren passiert ist eine gegenteilige Entwicklung. Gerade im sozialem Sektor geht es in erster Linie um Kosteneinsparungen. Und da erscheinen Pflegeeltern auf den ersten Blick super günstig.

Ich glaube nicht, dass man mit Geld alles erreichen kann, aber je länger ich mich im Umfeld von Pflegeeltern bewege, um so deutlicher wird, wie unterschiedlich der Wissensstand innerhalb dieser Gruppe ist.

Und wenn Pflegeeltern einfach nur als Faktor zur Kostenersparnis genutzt werden, wird sich an diesem Zustand mit Sicherheit nicht viel ändern. Es mag die Fälle geben, wo es ausreicht, die Kinder lieb zu haben, sie satt und sauber zu halten und dann wird das schon alles gut werden. Meine eigene Erfahrung erzählt eine ganz andere Geschichte. Mit traumatisierten Kindern zusammen zu leben, ihnen gut zu tun, setzt nicht nur eine bestimmte Haltung voraus, die weder geprüft werden kann, noch in den Pflegeelternkursen vermittelt wird. Es setzt vor allem auch eine große Menge Wissen voraus. Was ist ein Trauma? Wie kann ich es schaffen, dass Kinder, die Beziehung als Gefahr kennengelernt haben, trotzdem wieder eine Beziehung aufnehmen?

Es geht in diesem Zusammenhang nicht um ein bisschen Pädagogik, dass man mal eben in die Menschen trichtert.

Langfristig glaube ich nicht an die oben erwähnte Ersparnis. Knapp 1% aller deutschen Kinder leben in Pflegeverhältnissen in Deutschland. Das wären bei den oben erwähnten 30% gescheiterter Unterbringungen knapp 40.000 Kinder, die mit 14-16 Jahren ein zweites Mal traumatisiert werden. Die lernen, dass es keine tragfähigen Beziehungen gibt

Und ebenso viele Fälle von Pflegeeltern, die sich eingesetzt haben und scheitern. In einer Zeit, wo es kein Jugendamt gibt, dass nicht großartige Kampagnen starten muß, um überhaupt noch Pflegeeltern zu finden, kann ich eigentlich nur hoffen, dass diese Pflegeeltern laut werden, sich beschweren. Und gleichzeitig weiß ich, dass das Gegenteil der Fall sein wird. Diese Eltern werden sich selbst oder dem Kind die Schuld am Versagen geben.

Die eigentlich Zuständigen sitzen in den Jugendämtern. Sie glauben,

  • Pflegeeltern seien ein professionelles Hilfesystem, lassen ihnen keinerlei weitere Hilfe zukommen (Weil man kann ja nicht einem Hilfesystem zusätzliche Hilfe angedeihen lassen, das macht ja wirtschaftlich keinen Sinn),
  • haben keinerlei Kenntnisse über den aktuelle Forschungsstand (Warum auch, dass was sie im Studium vor 30 Jahren gelernt haben, stimmt ja immer noch)
  • freuen sich über jeden Euro, der im Hilfesystem eingespart wurde oder – und in meinen Augen ist das sogar noch schlimmer – wissen, dass diese Entwicklung den Kindern schadet, wagen sich aber nicht, der wirtschaftlichen Jugendhilfe zu widersprechen.
  • sehen sich nicht in der Verantwortung für die Ihnen anvertrauten Kindern. (Aber das ist ein vollkommen anderes Thema)

und wundern sich dann, wenn das Scheitern folgt.

Das gilt selbstverständlich nicht für alle Jugendämter, aber die Reform des SGB VIII, die in den Startlöchern steht, wird die Situation gewiß noch verschärfen. Ein Beispiel: Eine gerichtliche Überprüfung von Jugendamtsentscheidungen soll verhindert werden. Stattdessen sollen Ombudsstellten als Beschwerdemöglichkeit eingeführt werden. Nun planen bereits Jugendämter den Aufbau einer solchen Ombudsstelle. Ohh, das klingt sinnvoll: Eine Beschwerdestelle im Amt, das die Entscheidung getroffen hat. Wer jemals einen Streit mit einem Jugendamt ausgefochten hat, weiß was das bedeutet.

Ich bleibe der festen Überzeugung, dass Pflegeeltern für viele Kinder wichtig sind. Dass schon viele Pflegekinder eine neue, heilende Erfahrung gemacht haben, was Familie auch bedeuten kann. Aber die Wertschätzung der Arbeit der Pflegeeltern zeigt sich leider in vielen Bereichen deutlich.

Und Pflegekinder und Pflegeeltern auf dem Scheiterhaufen der Kostenersparnis brennen zu lassen wird gesellschaftliche Folgen haben, die in der Zukunft bezahlt werden müssen. Und sei es nur, weil ein zur Kostenersparnis falsch untergebrachtes Kind, eben nicht zu einem Teil unserer Gesellschaft entwickelt.

In einem meiner Podcast-Interviews (Folge 11 – Traumatherapie) schildert Frau Michalik-Imfeld sehr schön, dass in ihren Augen ein großer Teil der in Haftanstalten verweilenden jugendlichen Straftäter, vor allem eines ist: Traumatisiert!

Na dann viel Spaß!

 

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Ich bin gerade völlig paralysiert

Eine Woche Schule kann viel bewegen, im positiven – leider auch im negativen Sinn.

Und jede einzelne Situation, in der sich mein Murksel (männlich 8 Jahre) in der letzten Woche befunden hat, reicht in meinen Augen für ein Buch: So funktioniert Schule für traumatisierte Kinder nicht. 

Kurz zur Vorgeschichte: Die Schule ist informiert über die Situation des Kindes. Ich habe soviel Einzelheiten weitergegeben, wie ich glaubte, die Lehrer könnten es ertragen. Habe – da die Schule drei meiner Kids beheimatet einen kleinen Vortag in der Lehrerkonferenz gehalten, wie sich Trauma auswirkt. 

Da Murksel in der ersten Klasse häufig in Wutausbrüche verfiel, begleite ich ihn soweit möglich in den  ersten ein bis zwei Stunden und bemühe mich ständig mit der Schule im Gespräch zu sein. Im Laufe der Woche hat die Schule kein Gespräch mit mir gesucht. Das was jetzt kommt berichtete Murksel, als ich feststellte, dass er ungewohnt aggressiv war.

Akt 1 – Montag: Die Englisch Lehrerin der Klasse teilt einen Stammbaum aus. Murksel geht durchgehend in den Widerstand. Weigert sich in einer für seine Verhältnisse deutliche Art und Weise. Zu Hause sprechen wir darüber, wer für ihn seine Eltern sind, er trägt unsere Namen ein. Mein anschließendes Grspräch mit der Lehrerin fruchtet scheinbar nicht, wie der Mittwoch zeigen wird.

Akt 2 – Dienstag: Eine Praktikantin besucht die Klasse und nachdem ich die Klasse verlassen habe, setzt sie sich auf den Platz, auf dem ich vorher saß, direkt hinter ihn. Für ein sexuell missbrauchtes Kind – wovon die Schule Kenntnis hat, eine untragbare Situation. Er fordert sie freundlich auf, sich woanders hinzusetzen. Ohne Erfolg! Als er sie anschreit, wird er von seiner Klassenlehrerin ermahnt, dass in ihrem Klassenraum so nicht mit Gästen gesprochen würde. Die anschließende Komplettleerung seines Schultisches halte ich für einen sehr netten Hinweis des Kindes an seine Umwelt.

Akt 3 Mittwoch: Die Englischlehrerin macht weiter mit ihrem Stammbaum. Weigerungverhalten des Kindes wird mit Anschreien belohnt. Am Ende des Unterrichtes soll die Klasse gemeinsam in einen anderen Klassenraum. Da sich Murksel unsicher fühlt, will er dem Pulk am Türeingang entfliehen und wartet, bis sich dieser auflöst. Seine Langsamkeit wird mit dem Satz belohnt: „Wenn Du jetzt nicht gehst muss ich Dich hier bis Schulschluss einsperren.“ Ich vermute zum Wohle der Lehrerin, sie hat es als Scherz gemeint. Soo witzig, für ein Kind, dass genau das erlebt hat. Was die Lehrerin wissen sollte.

Direkt anschließend ist Musikunterricht. Der sowie so aufgeregte Murksel geht mit einer Lehrerin in einen Streit, wie eine Regel, die in der Klasse gilt, in ihrem Unterricht aus zu legen sei. Das anschließende Wortgefecht führt direkt in ein gemeinsames Anbrüllen. Überigens nicht gestartet vom Kind, sondern von der Lehrerin.

Akt 4 – Donnerstag: Die Klassenlehrerin ist nur kurz da, da sie eine Fortbildung hat. Dies ist ihr zwar lange bekannt, eine Mitteilung an die Kinder scheint nicht stattgefunden zu haben oder von Murksel überhört worden zu sein. Als er sich – als ihm das bewusst wird, versucht, sich bei der Lehrerin zu versichern. Seiner Meinung nach steht er ganz lange da, während sich die beiden Lehrerinnen unterhalten. Als eine dritte Lehrerin erscheint, um die Klassenlehrerin ab zu holen, sieht er seine Felle schwimmen und drängt auf ein Gespräch. Statt seine Klassenlehrerin zu erreichen, zerrt ihn die Ersatzlehrerin beiseite und mault ihn an, er solle gefälligst warten, bis seine Klassenlehrerin weg sei, dann hätte sie Zeit für ihn. Körper Kontakt von fremden Menschen ist die beste Idee überhaupt!

Akt 5 – Freitag: Es kommt im Klassenraum zu einem Gerangel mit einem anderen Schüler, im Zuge dessen es zu heftigeren Handgreiflichkeiten kommt. Murksel bittet die Klassenlehrerin an zu sprechen, dass Kloppen im Klassenraum nicht erlaubt sei. Sie verspricht ihm dies. Als sie zum Ende der Stunde dem Versprechen nicht nachgekommen ist, nutzt er einen recht persönlichen Moment, sie auf diese Versäumung hin zu weisen. Sie weist dies brüsk von sich. Die anschließende Schimpftirade kommentiert sie mit den Worten: Hier im Klassenraum reden wir nicht so!

Es wäre so einfach, Schule traumasensibel zu gestalten! Und viele der Dinge ließen sich auch im Nachhinein lösen. Ich kenn meinen Murksel, er hätte verziehen, wenn ein – Sorry, nicht nachgedacht oder ein kannst Du mir erklären, was los ist gekommen wäre, aber auch dazu scheint keine Zeit in der Schule von heute zu sein.

Dann allerdings möchte ich kein Plakat mit meinen Versäumnissen lesen!