Meine Kanarienvögel

Früher wurden Kanarienvögel mit ins Bergwerk genommen, um zu sehen, ob es giftige Gase gibt, die die Menschen im Bergwerk gefährden.

Kinder mit einer Traumatisierung haben in ihrem Leben sooft erlebt, dass die Stimmungsschwankungen ihrer Umwelt direkten Einfluss auf sie haben, dass sie diese Umwelt ständig intensiv scannen. Jede kleinste Unruhe, Unsicherheit oder Angst wird wahrgenommen und darauf reagiert. Meist, bevor die Gescannten selbst wissen, was los ist, reagieren sie. Nur leider ist dies der Umwelt meist gar nicht bewusst und verlegt die Reaktion in die Kinder. Macht aus der Reaktion eine Aktion.  

Und es ist auch alles andere als einfach. Wir alle verdrängen Ängste, versuchen aufregende Zeiten durch innere Ruhe zu überstehen, oder trotz großer Traurigkeit den Alltag zu überstehen, bis Zeit für die Traurigkeit ist. 

Tja, all das funktioniert, wenn man mit traumatisierten Kids zusammenlebt nur eher schlecht, besser gesagt garnicht. Denn sie bemerken Deine Unsicherheit, selbst wenn Du sie noch nicht wahrhaben willst oder kannst. Andererseits hilft es auch: Es gibt kein Problem, dass man schieben kann bis ins unendliche. Der Versuch wird mit aggressiven, wütenden, aufgeregten Kindern bestraft.

Soweit zur eigenen Familie, aber der Scan der Kids macht vor Kiga oder Schule, Freunden und Bekannten natürlich nicht halt. Eigentlich für die betroffenen Stellen super, wenn sie sich darauf einlassen würden. Sie haben einen Kanarienvogel im Bergwerk, der exakt anzeigt, wie es um die Stimmung in der Gruppe steht. Verlässlich in seinen Vorhersagen und mit einer frühzeitigen Signalisierung. Aber leider vertrauen sie – anders als die Menschen, die die Kinder wirklich kennen – nicht darauf. Stattdessen wird aus der Wirkung die Ursache. 

Und so wird aus dem Kanarienvogel der Sündenbock, dass für die Unruhe in der Gruppe verantwortlich gemacht wird. 

Ich konnte dies leidvoll beobachten, als Begleiter eines Kindes im Schulbereich. In all der Zeit war das Kind nicht ein einziges Mal der Auslöser für die Geschehnisse in der Klasse. Aber immer war es scheinbar beteiligt. Jede aufgeregte Situation, jeder Streit, jede Wut des Kindes hatte eine Ursache innerhalb der restlichen Gruppe. Und doch wurde das Kind für die Unruhe verantwortlich gemacht.

Ein Gedanke zu “Meine Kanarienvögel

  1. Danke für diesen schönen einfühlsamen Text. Ich liebe Kanarienvögel und ich mag Menschen, die mit Aufgaben kommen und es uns nicht unbedingt leicht machen. Man lernt so fürchterlich über sich selbst. Allerdings würde ich mir wünschen, dass hinter diesen Menschen mit besonderen Fähigkeiten nicht immer dieses Leid stecken würde.

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