Kartenhaus

Eine Besonderheit mit traumatisierten Kindern zusammenzuleben ist, dass es Grundlagen gibt, die bei anderen Kindern sicher und fest sind, die bei diesen Kindern unheimlich fragil und zerbrechlich sind. 

Die Sicherheit, Mama und Papa – oder auch Ersatzpapi und Ersatzmami – haben mich lieb, sind immer für mich da und ich weiß, dass ich bei Ihnen bleiben kann ist keine Sicherheit. Es sind künstliche Pfeiler, auf denen ein Kartenhaus aufgebaut wird. 

Man kann sehr viel dafür tun, diese Pfeiler zu zementieren, aber so fest wie bei anderen Kindern sind sie nie verankert. Und dann kommt der Moment, an dem das alles in Frage gestellt wird. Hervorgerufen durch Pubertät, durch die Bemerkungen von Klassenkameraden, durch Besuche bei den Herkunftseltern, oder durch eigene unbedachte Äußerungen und schon bricht das gesamte Kartenhaus komplett zusammen. 

Meist sind es nicht nur einzelne, sondern viele Dinge auf einmal, die auf das Kind einschlagen. Aber die Folgen sind fatal.

Selbstwert des Kundes =0, damit schulische Leistungsfähigkeit =0, ständige Angst, die durch vermehrte Kontrolle ausgeglichen werden muss, Struktur im Alltag ist kaum noch vorhanden und muss mühevoll wieder aufgebaut werden, negative Ereignisse müssen verheimlicht werden, was einen Teufelskreis aus Verheimlichung, schlechtem Gewissen und weiteren Lügen auslöst, viele lange geänderte Verhaltensmuster kommen wieder zum Vorschein (im aktuellen Fall Selbstverletzungen, unsoziales Verhalten, Schreiattacken und ständige Selbstversicherung der Zuneigung der Ersatzeltern), kurz im pädagogischem Fachjargon eine Krise.

Und ich bin mir sicher, Pflegekinder gehen durch unheimlich viele solcher Krisen. Und irgendwie bewundere ich die Kinder, die trotz dieser Krisen eine kindliche Entwicklung durchmachen, aber anstrengend sind sie doch. Vor allem emotional, da es nicht das Patentrezept gibt, um den „Normalzustand“ wieder herzustellen. Es braucht Vertrauen, Geduld, Kämpfe und vor allem Sicherheit auf ganz vielen Ebenen. 

Und plötzlich ist die 12 Jährige wieder 4 Jahre alt. Und man hat irgendwie jedesmal Angst, dass es diesmal vielleicht nicht klappt, dass diesmal das Fundament nicht aus den Überresten rekonstruierbar ist. Mal sehen,…

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