Emphatie

Immer, wenn von Emphatie die Rede ist, bekomme ich ein flaues Gefühl im Bauch. Emphatisch wird gleich gesetzt mit nett, friedlich, freundlich, …

Emphatie ist aber etwas anderes. Es geht darum die Motivation des Gegenübers zu erahnen. Und hierbei nicht nur auf logischen Beweggründe zu achten, sondern auch auf emotionale, biographische, physiologische, psychologische und andere Beweggründe. Also die Aktion des Individuums in seiner Gänze zu verstehen.

Zu sehen oder besser zu spüren, dass die gezeigte Aggression vor allem ein Ruf nach Aufmerksamkeit ist oder aus einer emotionalen Überforderung heraus entsteht. Das ist Emphatie. 

Die Konsequenz daraus hat dann aber nur noch indirekt mit Emphatie zu tun und kann durchaus aggressiv sein. Ja muss sogar manchmal Aggressivität enthalten. Denn nicht selten hilft das Verstehen der Ursache nur langfristig die Situation zu verbessern. Kurzfristig bleibt es dabei, dass die Situation geklärt werden muss. Dass unbeteiligte geschützt werden müssen. 

Das Verständnis hilft dann später – wenn das Adrenalin verflogen ist – die Situation zu besprechen und zu bearbeiten und dem „Täter“ Hilfestellungen zu geben, ähnliche Situationen zu meistern.

Emphatie ist nicht friedfertig oder einfühlsam, denn echtes Einfühlen in die andere Person würde einem die Objektivität rauben – ja sogar unfähig machen zu handeln. Wenn ich den Schmerz fühlen müsste, den meine Kinder fühlen, wenn eine Krankenschwester die Trauer der Angehörigen fühlen müsste, der Psychologe die Angst seiner Patienten empfinden müsste, würde es sie zerstören.

Stattdessen werden sich alle Menschen, die in Bereichen arbeiten, in denen Emphatie notwendig ist, so gut abschotten, wie es eben geht.

Nicht nur um sich zu schützen, sondern auch um den anderen helfen zu können.

Das Bild von den friedfertigen Emphatikern, wo immer es auch herkommt (vielleicht geprägt von der christlichen Sozialarbeit durch Nonnen) hinterlässt den Eindruck eines handlungsunfähigen Menschen, der die linke Wange hinhält, weil er ja versteht, dass nicht er gemeint ist. Und diese Rolle zu spielen mag ja ab und zu vorkommen. Viel öfter ist es aber, dass man zwar versteht, aber dennoch Grenzen und Schranken weisen muss.

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