Kinder und Essen

Das Thema Ernährung hat in unserer Familie einige Komponenten, die es in anderen Familien nicht gibt. Es ist für uns – wissend, dass Essstörungen nicht wirklich selten im Bereich Traumatisierung sind – ein wichtiges Thema. Ohne es sicher sagen zu können, bin ich davon überzeugt, dass alle unsere Kinder in diesem Bereich schreckliche Dinge erlebt haben: Sie haben mit ziemlicher Sicherheit zeitweise Hunger gelitten, wurden einseitig ernährt, wurden mit Nahrungsverweigerung bestraft und scheinen Essen bekommen zu haben, dass nicht mehr den optimalen Nahrungszustand aufwies.

Und trotz all dieser Erfahrungen ist das Essen ein durch und durch positives Thema. Und dazu gehört sicherlich auch die Bedeutung, die die gemeinsame Einnahme des Essens für alle hat. Das gemeinsame Essen hat seine enorme Bedeutung, alleine deshalb, weil es der Zeitpunkt des Tages ist, an dem alle füreinander Zeit haben. In dessen Rahmen Besprechungen stattfinden können. Dinge geplant werden, Wünsche geäußert werden.
Aber, und das fällt mir immer wieder auf, wenn ich es mit anderen Familien vergleiche, wir haben keinerlei Probleme mit den Dingen, die die Kinder essen oder nicht essen.

Meine Kinder essen Ziegenkäse mit Begeisterung, lieben möglichst intensiven Cheddar, sind voller Begeisterung, wenn es Fisch gibt und verweigern auch ansonsten selten das ihnen kredenzte.

Jeder Mensch hat bestimmte Dinge, die er nicht mag. Dem zollen wir Rechnung indem, jedes Kind drei Dinge auf seine „Ich-mag-das-nicht“ Liste schreiben lassen kann. Diese Liste wird gefüllt durch: erst einmal probieren und dann festlegen: Mag ich nicht. (Überigens hat keines der Kinder wirklich drei Dinge auf der Liste. Kind A) hatte Reis drauf – ist inzwischen gestrichen. Kind B) Joghurt mit Fruchtstücken und Kuchen mit Fruchtmus. Kind C) Auberginen und Pilze. Kind D) Lakritz. Das wars!)

Es sind aber selten Geschmäcker, die auf diese Liste wandern, als vielmehr Essenskonsistenzen: Joghurt mit Fruchtstücken, Auberginen, Reis. Es gibt aber auch Geschmacksrichtungen, die dort auftauchen: Lakritz beispielsweise. Davon abgesehen, gibt es auch noch die unterschiedlichsten Geschmacksvorlieben, denen man Rechnung zollen kann, ohne großes Aufsehen zu machen. Nicht jeder ist genauso begeistert von einem süßen Pfannkuchen, da lässt sich auch schnell ein salziger aus dem selben Teig zaubern, oder umgekehrt. Aber ich versichere, dies entsteht eher aus dem Wunsch, es demjenigen recht zu machen, er würde auch den süßen Pfannkuchen essen, halt nicht mit der selben Begeisterung.

Immer wieder höre ich jedoch von anderen Eltern, dass das Essen mit Kindern sooo schwierig ist, dass sie nur Nudeln essen, oder nur Reis mit Ketchup. Ja sogar, dass der gesamte Essensplan der Familie auf die Wünsche der Kinder angepasst wird. Und es würde mich brennend interessieren, was der Grund ist.

Manchmal glaube ich, der Grund liegt darin, dass wir die Kinder viel in die Zubereitung des Essens integrieren. Es macht ihnen einfach Spaß, mit uns zu kochen. Dann kann man auch vorher die Zutaten einzeln probieren. Kann bei der Zubereitung helfen, wird mit einbezogen in die Würzung und kann gemeinsam entscheiden, ob noch etwas Salz oder besser etwas Pfeffer hin zu gegeben werden soll. (Nicht immer ist dies so, aber einmal pro Woche hilft mir sicherlich einer der vier.)

Diese Entstehung des Essens ist gerade am Anfang des Aufenthaltes ein sehr sehr wichtiger Moment. Die Kids lieben diese gemeinsame Zeit, auch, weil meist nur einer mithelfen kann und sie Mama oder Papa endlich für sich haben, während die anderen spielen müssen :-).

Immer wieder gibt es aber auch gemeinsame Kochaktionen, da etwas neues ausprobiert wird, oder einfach weil es gemeinsam Spaß macht. Beispielsweise waren alle Kids begeistert von der Erstellung eines Paneers. Zu sehen, wie Milch gerinnt, wie daraus der Käse wird und diesen dann gemeinsam zubereiten, war wirklich toll. Sie haben es am nächsten Tag in der Schule und im Kindergarten erzählt, voller Begeisterung. Oder das gemeinsame Belegen der Pizza hat wie in vielen Familien Tradition.

Aber – das kann nicht alles sein. Die Entstehung des eigenen Geschmacks ist ein Prozess. der auf Vielfalt setzen muss. Und diese Vielfalt muss sich jeder selbst erarbeiten. Wenn ich dann Stories mit Kindern höre, die nur Nudeln essen wollen, frage ich mich, wie diese Kinder diese Entscheidung treffen können, ob nicht an dieser Stelle ein Prozess – die Entdeckung all der unterschiedlichen Geschmacksrichtungen – aufgehalten wurde, weil er den Kindern vorenthalten wird.

Kinder brauchen – das ist glaube ich eine Binsenweisheit – Grenzen. Am Beispiel des Essens lässt sich die Bedeutung der Grenzen aber sehr schön verdeutlichen. Je älter Kinder werden, um so reichhaltiger werden die Geschmäcker und Konsistenzen, mit denen sie konfrontiert werden. Von den Karotten mit Kartoffeln, über das trockene Brötchen hin zu Nudeln mit Butter bis hin zu einer vollständigen Mahlzeit. Niemand würde Kleinkinder mit einer scharfen Chilli quälen. Niemand würde ihnen rohen Schinken zu essen geben. Einfach weil ihre Fähigkeiten und ihr Körper mit diesen Nahrungsmitteln überfordert sind. Die Eltern bestimmen also, welche Nahrung dem Entwicklungsstand ihres Kindes angemessen sind.

Und dann? Dann setzt auf einmal die Selbstbestimmung der Kinder ein? Mit vier hat sich das Kind entwickelt und kann seine Entscheidungen selbst treffen? Nein! Der gute alte Spruch: – wie habe ich ihn früher gehasst – es wird gegessen was auf den Tisch kommt, hat wie sooft auch seine richtige Seite. Die Grenzen setzen immer noch die Eltern.

Bei uns kommt nun ein noch viel längerer Prozess, indem das Kind sich mit den unterschiedlichsten Geschmacks- und Konsistenzrichtungen auseinandersetzen muss. Ich glaube nicht, dass bitter oder sauer, krümmelig oder fest, etwas ist, dass jeder bei seinem ersten Zusammentreffen sofort liebt. Sondern, es sind Prozesse. Die Schärfe wird immer erst mit Schmand abgemildert, vielleicht gibt es ein wenig Zucker mehr, um das Saure zu überdecken, oder … . Aber vor allem ist es vielleicht die Größe der Portion, durch die die Kinder diese Vielfalt erfahren und sich Stück für Stück erarbeiten.

Ob sie ein Essen zu sich nehmen, ist anfangs nicht die Entscheidung, die die Kinder fällen dürfen. Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt eben. Die Menge der einzelnen Essensbestandteile schon. Natürlich darf das Kind entscheiden, nur von dem Rührei nachzunehmen und vom Reis nur die erste kleine Portion zu sich zu nehmen. Und dann irgendwann, darf es entscheiden, dass Bestandteil xxx wirklich auf die „Not-to-eat“ Liste kommt. Noch einmal – aufgrund der Vorerfahrungen meiner Kinder – gerade in der ersten Zeit, wenn Kinder zu uns kommen – ist diese Regel sehr sehr wichtig, aber auch sehr sehr mit Vorsicht zu genießen. Wir nehmen unsere Kinder schon sehr deutlich wahr. Und es kommt sicherlich vor, dass wir sehen, dass sich ein Kind mit der Aufnahme gewisser Speisen quält. Und auch das wird sofort unterbunden. Ein Kind, dass partout keinen Reis essen will, werde ich nicht dazu zwingen dies zu tun. Aber ich werde auch keine Alternative kochen, um es auch diesem Kind bei dieser Mahlzeit recht zu machen. Das Gemüse und das Fleisch reichen dann halt auch. Nudeln gibt es ja vielleicht morgen.

Mit der Zeit löst sich dann fast immer das Problem von alleine. Und nicht selten habe ich erlebt, dass das Kind, das vor einem Jahr bspw. Reis verabscheut hat, plötzlich Risotto als Lieblingsessen nennt.

Mit jedem Essen erweitert sich die Erfahrung des Kindes, welche Nahrung wie zu bereitet, wie einzuordnen ist. Aber hierzu bedarf es der Hilfe der Eltern. Hierzu bedarf es manchmal Diskussionen. Oder man muß gemeinsam kochen, um zu sehen, dass die Einzelzutaten alle lecker sind. (Du magst also kein chinesisches Gemüse, dann hilf mal mit beim Kochen. Dann kannst Du sehen, was alles reinkommt, es probieren, um herauszufinden, was es ist, das Du nicht magst)

Und ich halte diese „Arbeit“ für extrem wichtig, um die Grenzen, die die Kinder sich setzen Stück für Stück einzureißen. Denn je größer diese Vielfalt ist, um so größer ist auch die Auswahl, die die Kinder haben sich zu ernähren.

Erst wenn sie Obst in all seiner Vielfalt kennen gelernt haben, kann Obst eine Alternative zu Süßigkeiten oder den kleinen Hunger zwischendurch darstellen.

Genauso wichtig ist es uns, dass eine Mahlzeit immer – oder besser möglichst oft – aus mehreren einzelnen Gängen besteht, die alle ihre Gewichtung haben. Eine Nachspeise ersetzt nicht das Essen. Wer das Essen nicht mehr mochte, weil er satt war, kann auch keinen Joghurt nachher essen. Wer nicht ein bisschen Salat gegessen hat, bekommt halt auch nicht den zweiten Kartoffelpuffer. Und komischer Weise gibt es inzwischen keine Diskussion zum Salat, sondern sind meine Kinder darauf erpicht, dass es auch Salat gibt. Und es kommt nicht selten vor, dass ein Kind die Nachspeise verweigert, weil es satt ist, weil der Auflauf so lecker war. Und das ist doppelt schwer, weil ja die anderen Nachtisch essen und man sich ja eigentlich darauf gefreut hat.

So sind es die Grenzen der Eltern, die den Kindern helfen Geschmack zu entwickeln und Lieblingsspeisen zu finden. Ohne unsere Hilfe sind sie dazu nicht in der Lage, da sie die Vielfalt verweigern.

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Emphatie

Immer, wenn von Emphatie die Rede ist, bekomme ich ein flaues Gefühl im Bauch. Emphatisch wird gleich gesetzt mit nett, friedlich, freundlich, …

Emphatie ist aber etwas anderes. Es geht darum die Motivation des Gegenübers zu erahnen. Und hierbei nicht nur auf logischen Beweggründe zu achten, sondern auch auf emotionale, biographische, physiologische, psychologische und andere Beweggründe. Also die Aktion des Individuums in seiner Gänze zu verstehen.

Zu sehen oder besser zu spüren, dass die gezeigte Aggression vor allem ein Ruf nach Aufmerksamkeit ist oder aus einer emotionalen Überforderung heraus entsteht. Das ist Emphatie. 

Die Konsequenz daraus hat dann aber nur noch indirekt mit Emphatie zu tun und kann durchaus aggressiv sein. Ja muss sogar manchmal Aggressivität enthalten. Denn nicht selten hilft das Verstehen der Ursache nur langfristig die Situation zu verbessern. Kurzfristig bleibt es dabei, dass die Situation geklärt werden muss. Dass unbeteiligte geschützt werden müssen. 

Das Verständnis hilft dann später – wenn das Adrenalin verflogen ist – die Situation zu besprechen und zu bearbeiten und dem „Täter“ Hilfestellungen zu geben, ähnliche Situationen zu meistern.

Emphatie ist nicht friedfertig oder einfühlsam, denn echtes Einfühlen in die andere Person würde einem die Objektivität rauben – ja sogar unfähig machen zu handeln. Wenn ich den Schmerz fühlen müsste, den meine Kinder fühlen, wenn eine Krankenschwester die Trauer der Angehörigen fühlen müsste, der Psychologe die Angst seiner Patienten empfinden müsste, würde es sie zerstören.

Stattdessen werden sich alle Menschen, die in Bereichen arbeiten, in denen Emphatie notwendig ist, so gut abschotten, wie es eben geht.

Nicht nur um sich zu schützen, sondern auch um den anderen helfen zu können.

Das Bild von den friedfertigen Emphatikern, wo immer es auch herkommt (vielleicht geprägt von der christlichen Sozialarbeit durch Nonnen) hinterlässt den Eindruck eines handlungsunfähigen Menschen, der die linke Wange hinhält, weil er ja versteht, dass nicht er gemeint ist. Und diese Rolle zu spielen mag ja ab und zu vorkommen. Viel öfter ist es aber, dass man zwar versteht, aber dennoch Grenzen und Schranken weisen muss.