Haus der offenen Tür

An alle, die Pflegeeltern werden wollen: Besuche durch fremde Personen dürfen Euch nicht stören.

Kalkulieren wir mal kurz hoch:

Übliche Gruppengrössen sind zwei Kinder. Jedes dieser Kinder hat 2 Hilfeplangespräche im Jahr. Zu diesen Terminen und rund um diese Termine kommt es zu Besuchen des Jugendamtes. Je nach Organisation des Jugendamtes zwei Personen (Der Pflegekinderdienst und der zuständige Mitarbeiter für das Kind) . Jedes der Kinder hat – wenn Teile der Sorge an jemand übergeben wurden – einen Vormund, welcher einmal im Monat vorbeischaut. Die Eltern und andere Teile der Ursprungsfamilien haben Besuchskontakte. Und je nach Struktur der Einrichtung erhöhen sich die Besuche des Pflegekinderdienstes oder eines zusätzlichen Beraters auf einmal im Monat. Macht bei zwei Kindern ca 60 -70 Besuche fremder Menschen im Haus. Also knapp einer pro Woche. Aber auch das stimmt natürlich nur halb. Denn wie immer kommt  alles auf einmal und dafür ein -zwei Wochen nichts. 

Wenn man mit all diesen Menschen gut klarkommt ist das kein Problem. Das gilt vor allem für erfahrene „Besucher“. Ich persönlich habe noch nie jemanden mit großer Erfahrung im Bereich Pflegekinder erlebt, der nicht in der Lage war, sich auf diese besondere Situation einzustellen. Der nicht in der Lage war mit einem Blick zu erkennen, heute ist es nicht so ein toller Tag, die Kinder nicht gut drauf, die Familie gestresst, da halte ich mich zurück. 

Dann, wenn dies klappt, können diese Besuche bereichernd sein, denn dann arbeiten viele Menschen gemeinsam an dem Ziel, dass es den Kids gut geht. Leider habe ich nicht immer diese Erfahrung gemacht. 

Auf jeden Fall sollte man sich auf diese Besuche einrichten, denn sie sind unumgänglich.

Werbeanzeigen

Pubertät 

Die Pupertät ist sicherlich für jede Familie eine Herausforderung. So auch für uns. Ich habe ein Mantra, dass mir über den Tag hilft: Ich liebe meine Tochter, auch wenn sie schreit und tobt!

Das ist nicht gelogen, aber manchmal muss man ganz schön viel Schutt beiseite räumen um an den liebenswerten Teil zu gelangen. Aber die Pupertät hat zumindest bei meiner Großen auch die Momente, in denen man plötzlich staunt, wie erwachsen dieses Mädchen plötzlich ist. 

Wie oft hat man sich vorher gewünscht, mit Argumenten zu überzeugen und es könnte nicht gehen, weil das kleine Wesen noch garnicht auf Argumente eingehen könnte. 

Tja, dass geht jetzt immer öfter und ist toll. begleitet halt von den vielen Ausrutschern, in denen sie weit übers Ziel hinausschießt. Ihre Gefühle sich garnicht kontrollieren lassen. Die ganze Welt ungerecht ist, weil alle alle dürfen, nur SIE nicht! 

Und wenn ich das ertragen muss, um die anderen Situationen zu genießen, in denen wir zwei Dinge aushandeln können, dann mache ich es. Obwohl es schon manchmal schade ist, das kleine süße Mädchen ist leider weg.

Ich hab da mal recherchiert 

2012 gab es in 882368 Familien Hilfen zur Erziehung. beteiligt waren 1002968 Kinder beteiligt.

Im selben Jahr gab es Deutschlandweit 40227 Inobhutnahmen. Diese sind nicht gleichzusetzen mit einer „Wegnahme“ der Kinder. Bisher habe ich da noch keine Zahl. Es sind weniger als 5%. Immer noch zu hoch, aber es zeigt sich deutlich in welchem Verhältnis Familienhilfe und Heimunterbringung stehen. Quelle: statistisches Bundesamt, weitere Zahlen folgen. 

Der im Beitrag „Mit Kindern Kasse machen“ vermittelte Eindruck: Kinder rausnehmen statt Prävention stimmt in jedem Fall nicht. Denn Beratung, Sozialpädagogische Familienhilfe und weitere Hilfsmaßnahmen sind weit häufiger als Inobhutnahmen. Zusätzlich ist noch lange nicht jede Inobhutnahmen eine Heimunterbringung, sondern die Folge einer angezeigten Kindeswohlgefährdung. Was dann nach 24 Stunden passiert ist nochmal was ganz anderes.

Bei mir entsteht vielmehr inzwischen die Frage: Was passiert in unserer Gesellschaft, dass soviele Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder Unterstützung benötigen. Oder reagieren Jugendämter, Kindergärten und andere Stellen zu schnell wenn es um Kindeswohlgefährdung geht? Aus meiner Filterblase heraus ist die Antwort eindeutig: Nein, besteht die Gefahr einer Gefährdung bitte weiter eingreifen! Bitte! Und die Reaktionen auf einen Misserfolg sprechen ja auch Bände!

Defizite

Nichts ist in meinen Augen schlimmer, als einen ständigen Blick auf die Defizite der Kinder zu richten, aber diesen Blick zu vermeiden geht auch nicht.

die Defizite sind da. Sie müssen betrachtet werden. Aber mit Ruhe und genügend Abstand. Und vor allem immer wieder hinterfragt werden.

Die in allen Bereichen vorkommenden Testungen helfen dabei nicht unbedingt. Was ist ein Defizit, was ist einfach eine Schwäche, die in den Eigenarten des Kindes liegt? Nicht jeder ist ein Mathegenie, nicht jeder ist der Bastler oder mag das Malen.

trotzdem scheint es in unserer aktuellen Kindheit so zu sein, als wäre dem so. Da wird getestet und gefördert was das Zeug hält. 

Ich habe nichts gegen Tests, aber was daraus lesen kann bleibt fraglich. Hat man als Gegenüber jemanden, der Nähe an den Kindern ist, super! Es kann ein hoher Kenntnisgewinn sein, zu erkennen wo Schwächen sind. Es ist klar, dass Ma. Das Seepferdchen nicht schafft, wenn schon die Grobmotorik schwach ist. Aber was heißt das? 

Längst nicht alles vergeht von alleine und oft habe hilft ein Experte. Aber vieles vergeht wirklich. 

Vor einem Jahr hätte ich gesagt unsere größte hat eine Dyskalkulie. jeder Test hätte das besätigt. Aber aus Liebe zu ihrer Lehrerin hat sie sich reingehängt. 

Mathe wird sicherlich nicht ihr Lieblingsfach, aber sie kommt Klärung mir fällt ein Stein vom Herzen.

TV Beitrag: Mit Kindern Kasse machen – Die Story im Ersten

Wenn es im Fernsehen um Pflegekinder und Erziehungsstellen geht, wird man, wenn man im diesem Bereich tätig ist hellhörig. Also war die Story im Ersten dieses Mal Pflichtprogramm.

Und es kommt, wie es immer kommt, wenn man Sendungen über Bereiche sieht, in denen man sich auskennt. Die Hände über den Kopf zusammenschlagen ist noch die harmloseste Reaktion. Ich bin sicher, dass es in diesem Bereich schwarze Schafe gibt. Diese aufzudecken wäre für  jeden Redakteur ein Ziel, dass zu verfolgen gilt. Aber das was da über den Äther ging, war alles andere als eine Verfolgung dieses heheren Zieles. Stattdessen: Skandaljournalismus ohne Recherche. Nur ein paar der Fakten, die im Film falsch dargestellt wurden:

– Im Film wird sehr heftig auf freie Träger eingedroschen. Reine Verschwendung, nur Geldmache, nicht zum Wohle der Kinder.

Quatsch! Das Subsidiaritäts-Prinzip ist gesetzlich mehrfach verankert. Ziel ist es eine möglichst große Bandbreite an unterschiedlichen Einrichtungen zu haben, je nach Bedürfnis der Kinder. Diese Bandbreite an unterschiedlichsten Einrichtungen ließe sich staatlich tasächlich nicht erreichen. (Eine familienähnliche Kleinsteinrichtung, wie wir es sind, mit vier Kindern und zwei pädagogisch ausgebildeten Miarbeitern, ließe sich staatlich z.B. nicht gründen. Aber das ist nur ein Beispiel, ich kenne viele tolle speziell auf die unterschiedlichsten Anforderungen ausgerichteten Einrichtungen.)

– Immer wieder wurden die hohen Kosten thematisiert. Zu den effektiven Kosten komme ich später. Entscheidend ist für mich erst einmal, es scheint gerade im sozialen Bereich beliebt zu sein, Kosten als zu hoch anzusehen. Selbst Menschen die in diesem Bereich tätig sind, halten hier gerne mit der Realität hinter dem Berg. Aber ein bestimmtes Einkommen ist notwendig, um Menschen mit guter Ausbildung in diesen „Beruf“ zu bekommen. Wenn es keine „Berufung“ ist, hält man die Tätigkeit sowieso nicht lange aus.

– Wie so oft in diesem Zusammenhang wurde im Film der Eindruck vermittelt, das Jugendamt nimmt Kinder weg.

Quatsch! Das geht soweit an der Realität vorbei, wie es nur geht. Bis es soweit kommt, waren Mitarbeiter in den Familien, haben versucht zu unterstützen, wo immer es nötig und möglich ist. Beratung, Unterstützung, Hilfe. Wenn das nicht hilft oder die Eltern diese Unterstützung verweigern, kann das Jugendamt versuchen mit Hilfe eines Gerichtes Teile der elterlichen Sorge unter zur Hilfenahme eines Gutachtens zu entziehen. Diese Teile der elterlichen Sorge werden dann auf einen meist unabhängigen Vormund übertragen, welcher dann die elterlichen Entscheidungen übernimmt. Allein an der Anzahl unabhängiger Beteiligten , Jugendamt, Vormund, Richter und ein oder mehrere Gutachter ist zu sehen, dass der Schutz der Familie sehr hoch gestellt wird. Im Gegenteil entsteht bei mir häufig der Eindruck es geht aktuell nicht um Kinderschutz, sondern um Familienschutz, aber das ist ein anderes Thema.

– Im Bereich der Kosten kam der Eindruck auf, als kônnten freie Träger einfach soviel Geld verlangen, wie sie wollen.

Quatsch! Nicht nur der Träger, sondern die einzelnen Einrichtungen des Trägers werden vor Beginn durch das Landesjugendamt überprüft, die Kosten mit den einzelnen Jugendämtern verhandelt. Erst danach darf gebucht werden. Und da Vormünder die Kinder einmal im Monat besuchen, zweimal im Jahr die Hilfe überprüft und fortgeschrieben wird (Inklusive Besuch vom Jugendamt und Beteiligung  der Kinder und Eltern) bedarf es schon krimineller Energie, um hier Kasse zu machen.

Im Gegenteil klagen die Jugendämter in unserer Umgebung darüber, zu wenig freie Plätze zur Unterbringung zur Verfügung zu haben. Sicherlich, weil sich in diesem Bereich so gut Kasse machen lässt.

– Im Film wurde ein nach eigener Aussage therapiebedürtiges Mädchen ohne Begleitung und Unterstützung befragt. So wichtig war die Aufklärung der unhaltbaren Zustände, dass auf die Unterstützung durch einen Kinderpsychologen verzichtet wurde. Ich bin sicher, dass ein solcher dieses Vorgehen untersagt hätte. 


Zu guter Letzt: Die genannten Kosten! 178€ pro Tag unverschämt! Ja, aber nicht wie genannt unverschämt hoch, sondern im Gegenteil unverschämt niedrig. 178€ / 24 Stunden macht knapp 7,42€ pro Stunde, ohne Urlaubsgeld, Miete, Beratung durch externe Mitarbeiter und sonstige Kosten. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

P.S.: Zum Lebensunterhalt erhalten die Kinder meist Hartz IV Sätze. Ob diese ausreichen, oder ob Teile des oben genannten Tagessatzes auch hier einfließen, davon mag sich jeder sein eigenes Bild machen.


Ergänzung am 7.3.2015: Weil ich mehrfach gefragt wurde: Der Tagessatz unserer Einrichtung beträgt nicht 178,-€.