Was ist es was funktioniert 3?

Nicht nur im Leben mit meinen Kindern, aber gerade hier hilft eine vernünftige Fehlerkultur. Fehler zu ertragen, zu akzeptieren, dass man Fehler machen darf und muss, ist für Kinder mit wenig Selbstbewustsein sehr schwierig. Um so wichtiger ist es, dass sie sehen, dass auch wir Fehler machen und diese nicht vertuschen. Diese Fehler zu kommunizieren, sich entschuldigen falls der Fehler sie betraf, aber vor allem klar zu machen, dass nichts schlimmes passiert ist, hilft den Kindern enorm, mit den eigenen Fehlern umzugehen.

Wichtig wird dieses vor allem auch im Bereich Schule, denn hier sind Fehler notwendig, um zu lernen. Meine Kinder schaffen es nur schwer, sich auf ihre Fehler einzulassen, sie zu akzeptieren und aus ihnen zu lernen. sie zeigen erst ihre Fähigkeiten, wenn sie sicher sind sie zu beherrschen. Was z.B. das Lesenlernen nicht gerade vereinfacht.

Eine Taktik, die uns geholfen hat, war der Fehlertag. Einen Tag lang dürfte, nein musste unsere Große alles falsch beantworten. Egal, ob eine Rechenaufgabe oder ein gelesenes Wort. Und mit der Zeit hat es ihr riesigen Spaß bereitet, den Fehler so kunstvoll, wie möglich zu gestalten. Einen Buchstaben falsch zu lesen, minus statt plus zu rechnen und freute sich riesig, wenn ich nicht nur ihren Fehler erkannte, sondern auch ihre Fehlerlogik.

Das andere, was hilft ist es zur Gewohnheit und in kleinen Schritte. Zu lernen. Sie liest die kleinen ich die großen Worte. Sie addiert die einer, ich die Zehner. Das braucht zwar viel Zeit und Geduld, mehr als Schulen so haben, aber ich weiß ja, dass dort mehr schlummert. 

Irgendwann, zeigt sich dann der Erfolg und dann, wie immer völlig überraschend, kann sie es, dass was vorher unmöglich erschien.

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Was ist es, das funktioniert 2?

Die Einstellung oder besser gesagt Überzeugung, dass nicht wir Erwachsenen irgendetwas bewegen und verändern hat einen sehr großen Einfluss auf jeden Teil unseres Alltags.

Während ich leider schon häufig von anderen Eltern Sätze gehört habe wie: Jetzt haben wir schon so lange … gemacht, aber immer noch macht unser Kind … . Ist unsere Blickweise sehr oft: ich bin so stolz, dass X schon das erreicht hat. Und das gilt für so ziemlich alle Bereiche. Zu sehen, dass ein Kind es schafft, trotz seiner Angst nachts auf das Klo zu gehen, ist dann genauso beeindruckend, wie das Kind,  das zum ersten mal einen Teil seiner Hausaufgaben alleine macht oder das, das trotz Trigger nicht in die Aggression geht. Für uns sind das alles Momente der Bewunderung und des Stolzes, die helfen abzuwarten, bis der nächste Schritt möglich ist.

Das beinhaltet natürlich auch Dinge zu ertragen, die sich aktuell nicht ändern lassen, aber zu verstehen, dass sie sich nicht ändern lassen, ist zugleich auch der Zugang zum Verständnis und eröffnet die Möglichkeit die Situation neu und vielleicht besser zu verstehen. Um neu zu verhandeln, wo man helfen kann, die Situation zu verbessern.

Was ist es, das funktioniert 1?

Humor ist für mich einer der grundlegendsten Hilfen beim Umgang mit traumatisierten Kindern.

Nicht über die Kinder lachen, aber mit Ihnen. Die Situationen, in die sie kommen sind erschreckend, überwältigend und machen sie ohnmächtig. Dann hilft es sehr, die Situation zu entschärfen, indem man gemeinsam darüber lacht. Über die Eigenarten, die Besonderheiten, die Schwächen. Und dabei geht es auch um die eigenen Schwächen der Erwachsenen.

Das Missgeschick des Kindes, dessen Motorik nicht altersgerecht (schreckliches Wort) ist. ist für alle viel leichter zu ertragen, wenn dies fröhlich begleitet wird.

Fast jede Angst lässt sich gemeinsam weglachen.

Aber natürlich ist es ein schmaler Grad von Humor zum lächerlich machen, aber diesen Grad nicht zu überschreiten gelingt auch viel besser, wenn man es gemeinsam übt.

Fortbildung

Manchmal sind es ja gerade die Dinge von außen, die einem helfen das Innen zu verstehen.

Durch eine Fortbildung im Bereich Traumapädagogik habe ich wieder einen neuen Blick auf die Funktion unserer Familie erhalten. Darauf wo Dinge funktionieren, warum sie funktionieren und natürlich auch wo Verbesserungen stattfinden können. Aber – und das ist für mich viel wichtiger – vor allem einen geschärfteren Blick auf jedes einzelne Kind. Wenn man wieder einmal die möglichen Symptome von Trauma sieht und auf der anderen Seite sieht, was war, was sich verändert hat und was noch ist, nimmt man wieder einmal die einzelnen Symptome wahr, aber auch die Veränderungen. Die sich entwickelnden Stärken, aber in unserem Fall hat es auch mal wieder den Druck genommen, Veränderungen erreichen zu wollen, weil ich erkenne was sich schon alles verändert hat. 

Entstanden ist kein wohliges Gefühl, aber grenzenloser Stolz auf das, was unsere Kinder erreicht haben, auf den Weg, den sie für sich erschlossen haben. Die Grenzen, die Sie täglich überschreiten.

niemals nie

Es gibt einen Satz, den ich meinen Kids niemals sage:

Wenn Du nicht … dann kannst Du hier nicht bleiben.

Geht nicht, geht nicht nur gar nicht, sondern  geht ganz und gar nicht.

Und obwohl ich es völlig unverständlich finde, scheint er gerade im Bereich der Fremdunterbringung von Kindern nicht selten vorzukommen. Und ich finde es nicht ungewöhnlich, dass dadurch Systeme scheitern. Egal, wie schwierig die Situation ist, man muss nur seinen Kopf anschalten, um zu erkennen, warum das nicht geht. 

Egal welches Kind es ist, es hat mindestens eine gescheiterte Erziehungssituation hinter sich. Da ist die Androhung eines Abbruchs so extrem retraumatisierend, dass ich es nicht  verstehen kann, dass so ein Satz über die Lippen eines Menschen kommen kann, der mit Kindern umgeht. Niemand würde auf die Idee kommen, einem dieser Kinder Prügel anzudrohen oder eine sonstige Form des Drucks aufzubauen. Da jedem sofort klar wäre, damit erreiche ich nichts. Aber einem Kind damit zu drohen, dass dieser Versuch Bindung aufzunehmen gescheitert ist oder droht zu scheitern, kann meiner Meinung nach mit nichts begründet werden.
Das hat nichts mit Ehrlichkeit zu tun, nichts mit dem Versuch Klarheit zu produzieren oder was ich sonst schon als Rechtfertigung gehört habe. Das zeigt einfach, dass die Menschen sich nicht vorstellen können, was dieser Satz bedeutet.

Häufig fällt so ein Satz in einen Zusammenhang, indem die Kinder gerade anfangen soviel Vertrauen zu fassen, dass sie rebellieren. Und in diesen Test, wie tragfähig ist denn das Angebot, dass die mir geben, fällt dann dieser Satz. Der Rest ist verbrannte Erde. 

Professionalität ist was anderes. Auch wenn das Scheitern von Erziehungsmassnahmen leider auch zum Alltag gehört, auch das späte Scheitern. Ich weiß nicht, welche Entwicklung meine Kids in der Pubertät nehmen. Es kann passieren, dass dann die Konstellation der Kinder nicht passt, dass ich den Bedürfnissen und der Bedürftigkeit eines einzelnen Kindes nicht gewachsen bin. Und wenn ich dann, nachdem wir den Entschluss gefasst haben und wir eine neue Lösung gefunden haben, dem Kind tatsächlich mitteilen muss, dass der gemeinsame Weg endet, würde ich niemals sagen: Du musst jetzt gehen, weil Du gescheitert bist.

Neuer Trend free-Range-parenting

Und wieder wird ein Erziehungstrend durchs Dorf gejagt. Ohh mein Gott! Wir brauchen keine neuen Erziehungsstile! Was wir brauchen sind klare Strukturen und Eltern, die ihre Rolle als Eltern wahrnehmen! Den Kindern klare Strukturen aufzeigen, in denen sie sich dann frei bewegen können und diese klaren Strukturen nach Fähigkeiten und Fertigkeiten öffnen. Wir müssen unsere  Verantwortung als Eltern übernehmen, um unseren Kindern die Sicherheit zu geben, dass da jemand ist, der weiß wo die Grenzen sind, in denen sie sich bewegen können. Und jeder, der das als Freiheitsentzug versteht, hat  sich noch nie mit Kindern befasst, die vor lauter Freiheit selbst die Kontrolle übernehmen. Aufgaben und Entscheidungen treffen, die sie völlig überfordern, da ihre Eltern unfähig waren, diese Aufgabe verantwortungsvoll zu übernehmen. Das grenzt dann nicht an, das ist Kindeswohlgefährdung. Und vor allem schränkt es nicht die Persönlichkeit der Kinder ein, ihnen klar zu machen, hier ist der Bereich, der in Deiner Entscheidung liegt und hier darfst Du entscheiden. Die Kinder werden es Euch danken, wenn Sie wissen, dass sie sich darauf verlassen können, darauf vertrauen können, dass jemand auf sie aufpasst und weiß was gut ist.

Ja alle Kinder sind schon Persönlichkeiten, mit Eigenarten und Fähigkeiten. Wer aber sagt, nicht das Recht zu haben, diese „zu beschreiben oder zu verändern“ hat auch nur die Hälfte verstanden. Es IST unsere Aufgabe, diese Persönlichkeit zu formen. Meint, die Stärken zu fördern und ihnen helfen die Schwächen zu überwinden. Und jeder der die Entwicklung seiner Kinder wirklich beobachtet, wird sehen, dass sich die Persönlichkeit verändert und zwar ständig. 

Natürlich schließt all das die Eigenarten der Kinder ein. Aber Eigenart heißt nicht immer, dass es so bleiben muss. Jedes Kind ist anders und das ist auch gut so, aber das Glück eines Kindes, das seine Angst überwunden hat, das seine Schwäche verdrängt hat, vertrauensvoll  begleitet, nicht unterdrückt, sondern unterstützt, ist eine Erfahrung, die durch nichts zu ersetzen ist und die Sicherheit gibt, ich kann das und alles andere auch schaffen.

Freiheit muss  vor allem der Entwicklung angemessen sein. Nicht das Kind entscheidet, ob es alleine busfahren kann, sondern ich als Vater oder Mutter, unter objektiver Beobachtung der Fähigkeiten, denn das ist meine Aufgabe. Was nicht meint, die eigene Angst vorzuschieben, um Entwicklung zu verhindern. 

Ich bin mir fast sicher, dass mein Kommentar hier zu heftig ausfällt, aber ich habe als Pflegevater mit Kindern zu tun, die echte Freiheit erlebt haben, Freiheit der schlechtesten Art. Vor lauter Freiheit mussten sie sich um ausreichende Ernährung, angemessene Kleidung und körperliche Unversehrtheit kümmern. Und wenn ihnen eines hilft Kind sein zu dürfen, dann Eltern, die Regeln haben, bei denen sie wissen, die passen auf mich auf, bei denen sie sich auf das konzentrieren dürfen das ihre Aufgabe ist: Sich und ihre Umwelt in einem für sie angemessenen Rahmen erforschen, mit Ängstlichkeit, aber ohne Angst, mit Mut, aber ohne Selbstüberschätzung, mit Eigensinn aber ohne Egoismus. Und das gilt für alle Kinder! 

Endlich wieder Abenteuer

Abenteuer heißt in unserer Familie: Die Kinder erhalten einen Rucksack mit der wichtigsten Verpflegung, angemessene Kleidung und ein Fernglas oder sonstige Ausrüstung und dann geht’s raus in die Natur. Zum Bach am Rande des Grundstücks, in den nahe gelegenen Wald oder in eine der hochgewachsenen Wiesen. dazu muss das Wetter natürlich einigermaßen mitspielen. Jetzt zum Beginn des Frühlings geht’s wieder los.  Und sie finden Igel, die Schlafplätze der Rehe oder beobachten Vögel, bauen Staudämme, machen Picknick oder bauen Hütten. 

Es ist schön, diese Begeisterung zu sehen, wenn sie losstapfen und das Leuchten in ihren Augen zu sehen, wenn sie wiederkommen. 

Natürlich gab es schon Rettungsaktionen: Ch steckt im Bach fest! D. kommt nicht mehr vom Baum runter! Auch Verletzungen gabs  schon zu beklagen: Schürfwunden, Stacheln von irgendeinem Strauch oder Verstauchungen. Aber alles ist nichts im Vergleich zu der Freiheit, die sie erleben dürfen. Da kommt nicht mal annähernd der Computer, der Gameboy oder das Fernsehen mit. Auch wenn diese bei regnerischen Wetter eine große Faszination ausüben.

Wenn doch alle Kinder diese Möglichkeiten hätten.