Religion

Gestern in der Adventsfeier sagte die Pastorin: „Der liebe Gott hat Euch alle lieb. Und so wie er bisher immer auf Euch aufpasst, so passt er auch weiterhin auf Euch auf.“

Die Reaktion unseres Jüngsten, als ich ihn 2 Stunden später abholte: Die Frau hat gelogen, der liebe Gott hat garnicht auf mich aufgepasst, dass macht Ihr erst jetzt!

Mehr als Tränen in den Augen haben kann man da nicht.

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Geologische Geschwindigkeit

Leider höre ich oft – gerade bei Gesprächen mit anderen Pflegeeltern Sätze, die deutliche Ungeduld zeigen.

Aber die Veränderungen, die im Verhalten der Kinder passieren, passieren langsam und gemächlich. Wie im Titel bereits gesagt fast schon mit geologischer Geschwindigkeit.

Es kann Jahre dauern, bis ein Kind, dass in eine Pflegefamilie kommt Nähe ertragen kann. Es kann Jahre dauern, bis es schafft für uns selbstverständliche Dinge zu tun, wie seine Wünsche und Ängste zu benennen. Alles was wir dazu geben ist Verständnis und Geduld und immer wieder das Angebot, sowohl das aktuelle, als auch das insgeheim gewünschte Verhalten zu akzeptieren.

Natürlich gibt es Dinge, die sollten sich möglichst schnell ändern, aber Dinge, wie Aggression oder totale Kontrolle, sind Bereiche, die hier nicht Thema sind.

Aber wie lange es dauern kann, vom ersten Kontakt mit einem Kind, über die Entscheidung, dass diese neuen Eltern wohl doch nicht so doof sind, bis zum ersten Mal ankuscheln ist eine völlig andere Sache. Jahre vergehen und das wichtigste ist zu beobachten, ob sich etwas tut. Und es ist soooo schön, zu beobachten, wie es sich Stück für Stück
ändert.

das Kind hat immer recht

Immer wieder haben wir im Laufe unserer Arbeit Probleme mit Institutionen, wenn wir diese mit Gefühle und Ängsten unserer Kinder konfrontieren.

Dieses Problem hat mindestens zwei Seiten. In diesem Fall möchte ich mich ersteinmal mit der Seite des Kindes beschäftigen:
Ein Kind lügt nie! Dies ist mehr als nur meine feste Überzeugung!
Die Unwahrheit sagen, eine Notlüge verwenden hat damit nichts zu tun. Was aber entscheidend ist, ist dass ein Kind das Angst hat, körperliche Symptome zeigt, wie Bauchschmerzen oder bestimmte Menschen oder Situationen ablehnt in erster Linie in unserern Augen die Wahrheit sagt. Und das vollkommen bedingungslos. Institutionen wie Kindergärten wollen dann gerne die Situation klären, indem sie feststellen, dass Sie nichts gemacht haben, dass diese Situation hervorgerufen hat. Daraus entstehen die irrwitzigsten Situationen. Ein Beispiel, welches lang genug her ist:
Unserer Älteste war der festen Überzeugung ihre leibliche Mutter in einer bestimmten Spielsituation im Kindergarten gesehen zu haben. Ergebnis: Verweigerung, Angst und Verunsicherung. Wie es sich für eine gute Zusammenarbeit gehört teilten wir dem Kindergarten dieses mit.

Im Gespräch wurde die gesamte Zeit über nur diskutiert, dass unsere Aussage falsch wäre:
– das Kind zeigt diese Angst hier nicht
– das kann nicht sein, dass die Mutter hier war
– das Kind will sich nur wichtig machen und uns gegen einander ausspielen
– bei uns ist das Kind sicher…

Es war nicht möglich klar zu machen, dass all diese Aussagen unseren nur insofern widersprechen, dass für uns klar ist und bleibt, das Kind und wir lügen nicht und wir müssen darauf reagieren.

Ja, vielleicht war die Mutter nicht am Fenster. Aber warum ist es nicht möglich, dass das Kind nicht mehr in diesem Raum spielen muss.

Ja vielleicht sehen die Mitarbeiter diese Angst nicht, vielleicht zeigt das Kind diese Angst sogar im Kindergarten nicht. Uns berichtet es aber von dieser Angst und damit ist sie real.

Wie sich später zeigte, war die Mutter tatsächlich in unsere Stadt gezogen. aber natürlich sagt das immer noch nicht, dass sie die Mutter im Kindergarten gesehen hat. Aber vielleicht unerwartet irgendwo sonst.

Die Angst der Institution, angeklagt zu werden war größer, als der Wunsch, die Aussage zu akzeptieren und etwas zu verändern, selbst als wir konkrete Vorschläge machten. Es blieb lediglich dabei, dass die Situation als unwahr und falsch dargestellt wurde. Schade, unser Kind hatte dort Freunde gefunden, aber es geht unmöglich, die Situation

Paradoxe Wahrnehmung

Oft macht es einen völlig verrückt zu sehen, welche Strategien traumatisierte Kinder entwickeln.

Unser jüngster wurde vor kurzem von Außen massiv verunsichert. Ließ sich leider nicht verhindern. Ein Satz einer Verfahrenspflegerin reichte. „Deine Mama will Dich zurück.“ Und schwupps ein Jahr Entwicklung zurückgedreht.

Alle Regeln und Vereinbarungen werden in Frage gestellt. Das bemerkenswerte war aber vor allem, dass es nicht möglich war ihn mit den bisherigen Methoden wieder einigermassen in die Spur zu bekommen.

Gerade der Kindergarten berichtete von Aktionen, die scheinbar weit hinter uns lagen. Da wurden Kinder gebissen, Erzieher getreten und genauso wie zu Hause alle Regeln verletzt, die möglicherweise verletzbar sind.

Das Ergebnis war natürlich nicht das, es zu einer Beruhigung der Lage kam. Aber genau das musste geschehen. Diese Aufregung, schlechte Stimmungen und Gespräche der Erwachsenen wirkten natürlich noch zusätzlich als Verstärker. Und dann eine ganz einfache Kombination von Veränderungen drehte die Schraube zurück. Wie immer erstens die Mitteilung: Wir ahnen, wie es in Dir aussieht! Dieses Mantra: Wir sehen Dich, wir versuchen Dich zu verstehen, wir sehen Dein Unwohlsein! Ist immer der erste Schritt. Und dann wurden Reaktionen auf Taten und „Untaten“ wieder viel näher an die Tat gebracht. Das Ergebnis sofort sehen, sofort kontrollieren und bei Erfolg zumindest darauf eingehen, bei Misserfolg ebenso. Und zu guter letzt etwas, was sich zumindest bei unserem kleinen als Erfolgsgarant herausstellt. Ihm seine Kontrollmöglichkeiten aufzeigen und klarmachen. Wenn eine Situation zu eng und zu verrückt wird, gehe aus der Situation: Du darfst Dir jederzeit eine Auszeit nehmen.

Im Kindergarten war es ein manchmal von Erziehern genutzter Ort, zu dem die Kinder geschickt wurden, wenn die Erzieher meinten die Kinder benötigten ein bischen Abstand sich zu beruhigen. Nun war es unser Kleiner, der diesen Ort – ausserhalb der Gruppe einforderte. Und schon half ihm diese Kontrolle, dass es ihm besser ging. Da er sich selbst dieses Stück Ruhe holen konnte, wenn alles zuviel wurde konnte er insgesamt ruhiger werden.

Nicht, dass er wirklich oft dort Platz nahm, das Gefühl zu wissen, da kann ich hin, wenn es nicht mehr geht reichte, um vieles abZufedern.