Ein ganz persönlicher Jahrerückblick

Das Jahr 2018 war ein Jahr der Ereignisse. Und manchmal muß man in Ruhe zurückblicken, um für sich selbst klar zu bekommen, was man alles geschafft hat. Und Anbetracht der aktuellen Situation, scheint mir das sehr sinnvoll.

Nun, wir sind Mitte des Jahres 2017 nach Dänemark umgezogen. Ein Schritt, den ich bisher nicht im geringsten bereut habe. Denn allein die schulische Situation hat sich so sehr verbessert, dass der Schritt mehr als sinnvoll war.

Begleitet war dieser Schritt aber von vielen Nebenerscheinungen, die sich als mehr als anstrengend herausstellten.

  • Die Trennung von unserem alten Träger scheint diesem massiv schwer gefallen zu sein. So schwer, dass die Beraterin einen Streit vom Zaun brach, um loslassen zu können, obwohl diese Trennung auf eigenen Wunsch des Trägers passierte.
  • 8 Monate haben wir kein Kindergeld erhalten, weil die Kindergeldkasse in Nürnberg, die für uns zuständig war sich als völlig überlastet herausstellte. Erst über das Familienministerium in Bonn konnten wir eine Beschwerdestelle ausfindig machen, die helfen konnte.
  • Aufgrund der verspäteten Meldung unseres Jugendamtes an das Justizministerium in Dänemark, stellte sich die Aufenthaltserlaubnis der Kinder als echtes Problem dar. Das sogenannte Konsultationsverfahren ist nach 1,5 Jahren noch nicht abgeschlossen.
  • Erst im Dezember wurden die letzten beiden Kinder vom Jugendamt unseres ehemaligen Wohnsitzes an die Jugendämter des Wohnsitzes der Eltern übergeben
  • Immer wieder zwischendurch kam es zu verspäteten Zahlungen der uns zustehenden Gelder.
  • Der erste Träger, der uns übernehmen wollte, sagte 5 Tage vor Beginn der Trägerschaft  – trotz Verträgen mit einem Jugendamt – ab.
  • Der zweite Träger stellte sich zwar als pädagogisch mit uns auf einer Wellenlänge schwimmend heraus, leider aber auch als komplett überfordert, in schwierigeren Situationen die Ruhe zu bewahren. (Und wirklich schwierig waren diese Situationen gar nicht.)
  • Unsere uns zustehenden Gelder trafen in den Monaten Oktober bis Dezember in Teilbeträgen, bis teilweise weit nach Monatsmitte ein. Teilweise wurden sie bis heute nicht gezahlt.
  • Krankheiten begleiteten uns. Eine größere OP meiner Frau und Keuchhusten waren hier die Highlights.Zusätzlich gab es natürlich den ganz normalen Wahnsinn. Die Situationen, die man mit traumatisierten Kindern erlebt, die sich in eine ihnen fremde, neue Kultur eingliedern sollen. Und das verlief völlig anders als befürchtet. Die Kids sind super angekommen. Die weite Entfernung von ihrer alten Heimat hat sie sicherer gemacht, ihnen scheinbar zusätzliche Sicherheit gegeben. Und Sicherheit bedeutet, Kraft sich der Vergangenheit zu stellen. Und es kam viel Vergangenheit auf uns zu. Eines unserer Kids begann zu erzählen und zu erzählen und zu erzählen. Und so positiv ich diese Entwicklung finde, so anstrengend ist diese auch. Mit einem Kind die Dämonen der Vergangenheit zu betrachten, dann wenn es dem Kind gerade paßt, ist eine anstrengende und aufreibende, aber auch tolle Erfahrung, denn sie zeigt das Vertrauen, das in den Jahren entstanden ist.
    Aber natürlich macht sie auch Angst – wie reagieren die anderen Kinder. Werden sie getriggert? Was bekommen sie mit?
    Ich bin wirklich erleichtert, denn auch diese Klippe hat sich als anders herausgestellt, als befürchtet. Wie Martin Kühn zu sagen pflegt: Der rosa Elefant ist im Raum. Die Kinder wissen aufgrund ihres gemeinsamen Spieles längst, dass auch dem anderen schreckliches widerfahren ist. Sie kennen die Geschichten des anderen bereits. Aber sie belasten sich auch nicht gegenseitig mit ihren Geschichten, wenn sie einen Weg haben, diese Geschichten loszuwerden.
    Und dieser Weg sind für unsere Kinder wir, unter einander berichten sie nicht von ihren Erlebnissen, sondern von ihren Gefühlen, Ängsten und Befürchtungen. Und diese Ängste begleiteten sie schon immer, nicht erst hier in Dänemark.

    Es war ein anstrengendes Jahr. Und ich befürchte, es wird anstrengend bleiben die nächste Zeit. Aber wie sagt Kind 2 immer: Wir sind Familie! Und wir kriegen alles hin!

 

Schwarze Pädagogik funktioniert

Wenn ich eines gelernt habe – in meinem Leben mit traumatisierten Kindern – dann das, daß schwarze Pädagogik funktioniert. Zuverlässig, beständig und konsequent. Sogar noch viele Jahre nachdem sie beendet wurde.
Wenn ich will, dass ein Kind die eigenen Bedürfnisse hinten anstellt, ist es ein sehr probates Mittel, ihm klar zu machen, dass diese Bedürfnisse nicht zählen. Mit der nötigen Härte durchgeführt wirken diese Verhaltensregeln auch noch Jahre später – vereinzelt sogar Jahrzehnte.
Glauben sie mir, es ist möglich, einem Kind zu vermitteln, dass der eigene Wille, der eigene Wunsch, ja sogar der eigene Geschmack nicht existent sind. Und sie brauchen mindestens doppelt soviel Zeit, ihnen wieder beizubringen, diese Bedürfnisse wieder zu spüren.

Ich bin kein Verfechter des Freerange Parenting oder ähnlicher erzieherischer Möglichkeiten. Und Grenzen sind und bleiben wichtig für Kinder. Diese durchzusetzen bedarf es Kraft, Ausdauer und Begleitung. Sie durch schwarze Pädagogik durchzusetzen bringt Erfolg. Das Kind reagiert so, wie es der Pädagoge wünscht.

Doch zu welchem Preis? Die Beziehung zwischen Pädagoge und Kind wird geschädigt, wenn nicht sogar zerstört. Die Kinder erfahren nicht, dass sie  selbstwirksam sind. Sie handeln nicht, weil sie es wollen, sondern aus Angst vor Strafe. Und diese Angst begleitet sie, ihr Leben lang.

Macht bitte mehr Narzisstisches Podcast-Gelaber

Ich weiß, ich sollte mich um wichtige Dinge kümmern, zum Beispiel eine Folge meines Podcasts zu schneiden und veröffentlichen, aber dieser Text und dass er teilweise Zustimmung in der Hörerschaft erhält, macht mich etwas … fassungslos.

Ich möchte, dass was dieser Text für mich aussagt mal kurz zusammenfassen. Es gibt zu viele Podcasts. Es wird zu viel von Leuten über Dinge geredet, die keine Ahnung haben. Ständig entstehen neue Podcasts, so dass man den Überblick verliert. Es werden zu viele Podcasts produziert über Belanglosigkeiten.

Zuerst einmal, gebe ich der Autorin recht. Es gibt viele Podcasts, deren Meinung mir völlig egal ist. Es werden Podcasts produziert, bei denen ich mich beim Hören über die Dummheit und Respektlosigkeit der Podcaster aufrege. Ja, es wäre für viele Podcasts schön, wenn sie an Konzept, Qualität oder Vorbereitung arbeiten würden. Tatsache! Und doch ist die Kernaussage des Blogartikels so falsch, wie es nur geht.

Das, was wir im Podcastland beobachten können, ist die Demokratisierung des Mediums Audio. Die Entwicklung hier, ist sehr ähnlich der, der Blogs vor vielen Jahren (Oder auch der immer noch anhaltenden Entwicklung dort, nur das sie nicht mehr so viel Aufmerksamkeit bekommt.) Dank Tim Pritlove mit seinem Pritloveprojekt, dem Ultraschall-Team um Ralf Stockmann, Studiolink, dem Sendegarten, dem Podstock, dem Podcastverein und vielen vielen mehr, sehen immer mehr Leute die Möglichkeit, selbst einen Podcast zu produzieren. Und jede Demokratisierung bedeutet mehr Verantwortung. In diesem Fall vor allem auf Seiten der Rezipienten. Und die ist im Bereich Podcast sehr einfach – finde ich. Es gibt in jeder App einen Knopf abonnieren, der auch für das Ende der gemeinsamen Zeit sorgt.

Warum mir das so wichtig ist? Weil nur durch diese immer größer werdende Vielfalt spannende Projekte entstehen. Kein Medium ist plötzlich da und perfekt. Es bedarf Experimente, Versuche und viele viele Fehlversuche, um Neues zu schaffen. Und ich persönlich habe schon viele spannende Projekte gefunden, inhaltlich oder konzeptionell. Und ich möchte gerne alle diese Projekte da draußen haben. Jedes einzelne, auch wenn viele davon für mich uninteressant sind, denn nur aufgrund dieser Vielfalt finde ich immer wieder einen spannenden Begleiter – wenn auch vielleicht nur für eine gewisse Zeit.

Viele Projekte bestehen nur einige Folgen, andere werden größer und größer, aber vor allem, kann jeder der es will etwas zu dieser Bewegung beitragen. Für nicht wenige ist die Möglichkeit etwas zu senden alleine schon eine befreiende Sache. Und das bringt mich auf die Kritik, dass in Podcasts Fragen von Leuten beantwortet werden, die keine ausreichende Qualifikation zur Beantwortung der Frage haben.

Wenn ich all die Blogs und Zeitschriften aufzählen wollte, in denen unqualifiziert Fragen beantwortet werden, hätte ich ein Problem. Genau das ist eben auch ein Teil der Demokratisierung der verschiedenen Medien. Aber, in Podcasts habe ich schon viele Meinungen und Ideen gefunden, die ich von den sogenannten Coaches und Therapeuten nicht erhalte. Tolle Berichte von Betroffenen, die aufgrund der Einfachheit des Sendens nun zu Wort kommen können. Und denen, die sich für ihr Thema interessieren einen Einblick in ihr Leben geben können. Und das auf eine viel intensivere und spannendere Art und Weise, als in jedem geschriebenen Text.

Und zuletzt: Für mich existiert keine Podcastszene. Es gibt Podcaster, die sehr aktiv in dem einen oder anderen Bereich sind, andere senden leise vor sich hin. Aber was  ich in keinem anderen Bereich erlebt habe, ist dass – vielleicht alleine dadurch, dass Audio gesendet wird – jeder mit seiner Meinung einbezogen wird. Wenn jemand eine Idee, ein Problem mit irgendeinem Tool oder einfach nur Kritik an einer Sendung hat, hier wird geholfen. Und wenn es etwas, wie eine Szene gibt, dann ist es dieses auf einander reagieren. Und zwar in einer sehr adäquaten Art und Weise.

Und das gilt für alle, die sich im Bereich Podcasts bewegen. Auch Hörer! Im Gegenteil glaube ich, viele viele Podcaster wären froh, wenn die Konsumenten mehr Rückmeldung geben würden. Ihnen mehr helfen würden, ihre Idee weiter zu verbessern. Also bitte, wenn Kritik an einem Podcast, gehet hin und gebt sie dem, der den Podcast produziert, wenn es eine sinnvolle Kritik ist. Wenn ein Projekt mich nicht interessiert, deabboniere! Und wenn ich will, das bestimmte Podcasts mehr Aufmerksamkeit als andere bekommen, dann sollte ich vielleicht mehr die, die ich spannend finde erwähnen und weiterempfehlen.

Und für alle anderen Projekte: Ihr seid toll, wenn auch nicht alle für mich!

 

Weihnachtsrezept

Weihnachten bedeutet auch immer ein besonderes Essen.

In unserer Familie ist es ein Rezept mit reichlich Tradition. Ich denke, schon meine Ur-Ur-Oma wird es gekocht haben.

Es handelt sich um gekochte Schlesische Weisswürste, mit sehr sauerem Sauerkraut, sehr salzigen Salzkartoffeln und einer Soße aus Pfefferkuchen, Bier und Nüssen.

Wie bereitet man die Soße?

Man benötigt:

Wurzelgemüse: Pastinake, Petersilienwurzel, Sellerie und Möhren.

1-2 Flaschen möglichst herbes Bier, gemahlenen Fischpfefferkuchen, 250 gr, 1 große Zwiebel. 2 Löffel Salz, 60gr Butter, 3 Löffel Mehl, 3-4 Löffel Zucker, 3-5 Löffel Weißwein Essig, Gewürze: Lorbeer, Wacholderbeeren, Pfefferkörner

Wallnüsse, gestiftete Mandeln und Rosinen

Wurzelgemüse in kleine Würfel – in Topf gut mit Wasser bedecken und Gwmüsesud kochen. Gemüsesud von Wurzelgemüse trennen. Ca 150 gr Gemüsewürfel aufbewahren.

Butter bräunen und Mehlschwitze erstellen

Mit Gemüsesud ablöschen.

Ca 1/4 Liter Bier, Gewürze, Salz, Essig, Zucker und Fischpfefferkuchen dazugeben.

Langsam ziehen lassen. Das Ergebnis sollte eine sehr sämige Soße sein.

Nun die Handvoll Wallnüsse grob hacken, Mandeln, Wurzelgemüsewürfel und Rosinen nach Geschmack hinzugeben.

Die Soße sollte nun mindestens 3 Tage kühl stehen, um die Gewürze aufzunehmen.

Weihnachten müssen dann nur noch das Sauerkraut und die Salzkartoffeln gekocht werden. Die Weisswürste benötigen ca 20-30 min, um in heißem, nicht kochenden Wasser gar zu ziehen.

Die Soße unter ständigem Rühren langsam erhitzen. Und mit Zucker, Bier, Salz und ev. Essig noch einmal abschmecken.

Von Sandwesten …

Es tut mir sehr leid, dass gerade Menschen, denen Individualität sehr wichtig ist, scheinbar nicht in der Lage sind, individuelle Pädagogik in letzter Konsequenz zu verstehen.

Gerade macht im Bereich der Autismusszene ein Vorstoß einer Lehrerin die Runde, die für ihre Klasse Sandwesten zur Verfügung gestellt hat. zum Beispiel hier Scheinbar eine tolle Idee. Natürlich regt sich gegen diesen Vorschlag Widerstand, zum Beispiel hier.

Auch ich kritisiere diese Idee. Warum?

Zum einen aus eigener Erfahrung. In der ehemaligen Schule eines meiner Kinder wurden diese Westen – ohne Mitteilung an die Eltern, ausprobiert. Aufgrund einer Fortbildung einer Lehrerin wurden mal eben 10 Westen besorgt und wer wollte, konnte sie verwenden. Und genau hier sehe ich die Gefahr. Die Sandwesten sind ein  therapeutisches Hilfsmittel, dessen Wirksamkeit bisher noch nicht wissenschaftlich nachgewiesen ist. Aber um diesen wissenschaftlichen Nachweis geht es mir gar nicht.

Das Problem ist, dass es Kinder gibt, für die diese Westen nicht gut sind. Ja, es kann durchaus sein, dass es Kinder gibt, zum Beispiel mit Autismus oder ADHS, die eine positive Wirkung zeigen. Auch eines meiner Kinder braucht häufig künstliche Begrenzung, um sich zu spüren. Der Versuch der Lehrerin ging jedoch völlig schief. Gruppendruck und das „gute Zureden“ der Lehrerin führte dazu, dass Kid3 die Weste ausprobierte, ohne das wir als Eltern von dem Vorgehen informiert waren. Das Ergebnis mündete in eine völlige Überreaktion des Kindes, dessen Ursprung wir – aufgrund des Nichtwissens – mühevoll rekonstruieren mussten.

Zum anderen deshalb, weil nichts schlimmer ist, als eine Methoden als Werkzeug unreflektiert anzuwenden. Jedes Kind – nicht nur ein autistisches – ist anders. Wenn für eines der Kinder eine Sandweste gut ist, muß dies lange nicht für alle gelten. Die Gruppendynamik in einer Klasse ist stärker, als wir als Eltern dies erahnen.
Meine Kinder können teilweise nicht einschlafen, ohne recht laut Musik zu hören oder ohne dass das Zimmer hell erleuchtet ist. Ich würde nicht auf die Idee kommen, es als Standard für alle Kinder vor zu schlagen. Aber um solche oder ähnliche Maßnahmen mit dem Kind zu erarbeiten benötigt es eines Vertrauensverhältnis, welches gerade in Schule nur selten anzutreffen ist, selbst wenn Lehrer sich darum bemühen.

Also zurück zur Sandweste: Die Symptome hyperaktiv, sich nicht spüren können, scheinbar keine Grenzen zu haben sind schnell beobachtet und schnell scheint die Ursache für die Symptome gefunden. Aber die Symptome zeigen sich genauso bspw. bei traumatisierten Kindern. Der Ursprung ihrer Übererregung liegt vor allem in ihrer  Überwachsamkeit, in ihrer ständigen Fluchtbereitschaft. Diese Fluchtbereitschaft zu unterbinden, oder diese ihnen auch nur zu erschweren, ist für diese Kinder reinste Folter. Auch diese Kinder spüren sich nicht und es ist sinnvoll, mit ihnen an ihrem Körpergefühl zu arbeiten. Aber eben nicht mit Sandwesten.

Ich glaube, dass die Sandwesten sinnvoll sind. Ich glaube, dass sie sinnvoll eingesetzt Kindern helfen, sich zu spüren. Ich glaube, dass sie auch in Schulen ihren Einsatz finden können. Ich glaube, dass sie für Schüler leicht zugänglich sein sollten. Ich glaube aber nicht, dass sie zur Standardausstattung von Klassenräumen gehören sollten. Ich glaube, dass sie vernünftig auf jedes Kind angepasst werden sollten – übrigens auch aus gesundheitlichen Gründen. Aber dies geht nur, wenn Eltern informiert sind, dass sie angewendet werden. Und wenn möglich sollte ein Therapeut gemeinsam mit den Eltern und den Kindern auf die Spurensuche nach dem Ursprung der Übererregung gehen.

Ich kenne keine therapeutische Methode, die unreflektiert als Standard verwendet werden sollte, sondern sie machen nur Sinn, wenn sie gezielt eingesetzt werden.

Und wieder wird nur Politik gemacht statt der Suche nach einer Lösung

Die Situation in Nürnberg (http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/nuernberg-300-jugendliche-protestieren-gegen-abschiebung-eines-mitschuelers-a-1150127.html) bezüglich der Proteste gegen eine Abschiebung läßt mich ratlos zurück. Erst recht jedoch die Diskussion im Nachhinein.

Ich glaube nicht, dass ich in der Lage bin, die volle Komplexität der Situation voll zu erfassen. Aber einige Dinge werden wieder einmal so massiv vereinfacht, dass es weh tut.

Unsere Politiker sind der Meinung, dass eine Mehrheit in Deutschland für Abschiebung ist und setzen sich dafür ein. Nicht meine Überzeugung, aber wenn dem so ist, ist Abschiebung eine öffentlich gewünschte Aktion. Hier wäre öffentlicher Diskurs nötig.

Statt diese Diskussion an zu regen, stellen sich jetzt aber Politiker hin und fordern die Abschiebung von Gefährdern, statt von integrierten Asylanten. Ein echtes Zuwanderungsgesetz wird seit Jahren diskutiert und die Politik hat es bis heute nicht geschafft, ein solches auf den Weg zu bringen. Wenn Asylanten abgeschoben werden, ist dies ein behördlicher Akt, der viele Faktoren hat. Zum Beispiel die Zusammenarbeit mit dem Herkunftsland, die eindeutige staatliche Zuordnung, die zweifelsfreie Feststellung der Identität und vieles mehr.

In diesem Zusammenhang wird zu keiner Zeit die Frage gestellt, ist der Abzuschiebende integriert? Hierfür wäre das oben genannte Zuwanderungsgesetz der erste Schritt. Und ich finde, auch hier wäre öffentlicher Diskurs endlich angebracht.

Wenn also jemand nicht abgeschoben wird, dann deswegen, weil in diesem Räderwerk irgendwo etwas klemmt. Die Identität kann nicht festgestellt werden, das Herkunftsland verweigert die Aufnahme, ein sicherer Weg zurück in das Herkunftsland konnte nicht gefunden werden oder oder oder.

Was jedoch dringend diskutiert gehört, ist die Art und Weise, wie wir die Abschiebung durchsetzen. Wenn Polizisten Asylanten aus der Schule oder von anderen privaten Orten abholen, mit einem Einsatzkommando – und ich denke dies geschieht vor allem aus Angst, die Abzuschiebenden flüchten, zum Beispiel in Kirchen oder verstecken sich irgendwo in Deutschland – dann kann da was nicht richtig sein.

Auf jeder Seite dieser Aktionen entstehen lediglich Verlierer. Ich trauere mit den Polizisten, die – egal ob sie selbst grundsätzlich der Abschiebepraxis zustimmen oder nicht – schwersten emotionalen Situationen ausgesetzt sind. Ich trauere mit den Freunde, Mitschülern und anderen Menschen, die einen Teil ihrer Kraft der Unterstützung der Abzuschiebenden gegeben haben. Und nicht zuletzt trauere ich mit dien Abzuschiebenden, die Hoffnung hatten, welche ganz plötzlich völlig zerstört wird.

Was entsteht ist ein große Menge schwerst traumarisierter Menschen auf allen Seiten, denen in den seltensten Fällen eine angemessene psychologische Beratung und Betreuung zukommt. Auch und gerade auf der Seite der Polizisten. Aber natürlich auch auf allen anderen Seiten.

Die Diskussion, die Abschiebung nun auf die Integrationsleistung der Asylanten zu reduzieren, wird weder den zu uns flüchtenden Menschen gerecht, noch hilft dies wirklich, bei der verworrenen Situation.

Was zusätzlich diskutiert gehört, ist die Definition von sicheren Herkunftsländern. Aber auch hier ziehen sich die Politiker, die diese Diskussion in die Öffentlichkeit bringen könnten, auf Floskeln zurück.

Jeder einzelne Flüchtling kommt nach den Flucht- und Kriegserfahrungen hier in ein für ihn teilweise völlig unübersichtliches behördliches Räderwerk. Seine Integrationsleistung ist sehr stark auch von seinem Glück anbhängig, ob er zufällig auf Menschen trifft, die ihn auf diesem Weg unterstützen können. Nun zu sagen, diese Leistung entscheidet, ob er bleiben darf, kann meiner Meinung auch nicht der Weg sein.

Ich habe Vormünder erlebt, die sich mit allen Möglichkeiten, die sie hatten, um minderjährige Flüchtlinge gekümmert haben. Aber auch welche, die mit der Situation völlig überfordert waren, weil sie die gesetzlichen Grundlagen nicht wirklich kannten oder weil sie ob der ablehnenden Haltung eines einzelnen Beamten völlig handlungsunfähig gemacht wurden. Und die Vormünder sind auch nur ein kleiner Teil des Räderwerkes.

Das was wir dringend brauchen ist:

  • Eine echte Diskussion, welche Länder als sicher gelten.
  • Eine Diskussion über ein Zuwanderungsgesetz.
  • Eine wirklich kompetente Bearbeitung jedes einzelnen Asylantrages. Wie hier bspw. alleine schon die Befragung der Asylanten durchgeführt wird, über Stunden, mit dem Ziel einen Widerspruch in ihren Aussagen zu finden, ist erschreckend.
  • Die Unterstützung eines jeden Flüchtlings, der zu uns kommt auf Grundlage unserer Gesetze, ohne das Recht der Betroffenen willkürlich ein zu schränken.
  • Eine Diskussion darüber, wie wir Abschiebung durchführen wollen.
  • Die Beratung und Betreuung der Betroffenen auf allen Seiten.

Dann könnten wir die reichlich komplexe Situation vielleicht in den Griff kriegen. Aber die Situation jetzt auf irgendeiner Seite zu vereinfachen, erzeugt wieder lediglich heiße Luft und Wahlkampfgetöse.

Wenn Pflegeeltern missbraucht werden

Ich bin selber Pflegevater, mit ganzem Herzen. Aber das, was mir in letzter Zeit von verschiedenen Jugendämtern berichtet wurde macht mich wütend.

Das was immer wieder deutlich wird, ist der Primat der Wirtschaftlichkeit vor der Sinnhaftigkeit. Aus dieser Sicht sind Pflegeeltern für die Jugendhilfe aus folgenden Gründen unverzichtbar:

  • Pflegeeltern sind billig! Nur so können Einsparung in der Jugendhilfe erzielt werden.
  • Pflegeeltern kämpfen solange es geht, obwohl  ihnen wenig Geld gezahlen.
  • Ja, in der Pubertät fliegen uns 30-40% der Fälle um die Ohren, das wird dann teuer, aber bis dahin haben Jugendämter massiv Geld eingespart!
  • Es muß dafür gesorgt werden, dass Pflegekinder maximal bis 18 Jahren in der Familie bleiben. Wenn später noch Betreuung gebraucht wird, liegt das daran, dass die Pflegeeltern nicht loslassen können.
  • Statt Heimkosten muß bei Pflegeeltern nur die Pauschale der Kosten der Erziehung gezahlt werden. Super!
    Ersparnis: knapp 1000-2000€ monatlich.
  • Wenn jetzt sagen wir mal positiv 30% der Pflegeeltern scheitern und die Kinder dann doch in ein Heim müssen, entstehen erst dann – mit Sicherheit höhere Kosten, da Kinder, die in Pflegefamilien gescheitert sind oft zum zweiten Mal traumatisiert werden. Aber das macht ja nichts.

Diese Betrachtung macht mich wütend, nicht nur aus den offensichtlichen Gründen, der Verachtung den Bedürfnissen der Kinder gegenüber. Da werden Kinder, die bei professioneller Unterbringung eine Chance gehabt hätten, irgendwie ein Teil der Gesellschaft zu werden, der aktuellen Kostenersparnis geopfert. Es ist egal, was aus ihnen wird, die sind schon alle resilient.

Das was mich zusätzlich wütend macht, ist, dass hier die Pflegeeltern missbraucht werden, die sozialen Missstände unserer Gesellschaft auszugleichen. Und dass in vielen Fällen die Grundmotivation: ein Kind haben zu wollen, ausgenutzt wird, um das Stadtsäckel praller werden zu lassen.

In den 70er Jahren wurden Pflegeeltern reaktiviert, da zu viele Kinder in Heimen untergebracht waren. Und Heim ist nicht Familie und kann Familie auch nicht ersetzen. Gerade kleine Kinder können es schaffen, noch einmal Familie anders heilend zu erleben. Dazu bedarf es aber guter Unterstützung und ein gutes System an unterschiedlichen Hilfsangeboten:

  • Diagnosestellen, die klären, wo liegen die Probleme des Kindes.
  • Therapeuten, die sich mit Trauma auskennen – und sich nicht nur nebenbei mal ein wenig damit befasst haben.
  • Berater, die sich mit dem aktuellen Stand der Pflegekinderforschung auskennen, die nicht glauben, weil es Kinder gibt, die sich durchkämpfen ist Resilienz weit verbreitet.
  • Heime, für die Kinder, bei denen das Jugendamt zu lange abgewartet hat, die nicht mehr in ein Familiensystem passen
  • Pflegeeltern, die sich weiterbilden und denen die Chance dazu auch gegeben wird.
  • Und vor allem – und das ist im Pflegekinderwesen bisher komplett unüblich – Coaches, die regelmäßig eine Supervision mit den Pflegeeltern machen.

Das was gerade in den letzten Jahren passiert ist eine gegenteilige Entwicklung. Gerade im sozialem Sektor geht es in erster Linie um Kosteneinsparungen. Und da erscheinen Pflegeeltern auf den ersten Blick super günstig.

Ich glaube nicht, dass man mit Geld alles erreichen kann, aber je länger ich mich im Umfeld von Pflegeeltern bewege, um so deutlicher wird, wie unterschiedlich der Wissensstand innerhalb dieser Gruppe ist.

Und wenn Pflegeeltern einfach nur als Faktor zur Kostenersparnis genutzt werden, wird sich an diesem Zustand mit Sicherheit nicht viel ändern. Es mag die Fälle geben, wo es ausreicht, die Kinder lieb zu haben, sie satt und sauber zu halten und dann wird das schon alles gut werden. Meine eigene Erfahrung erzählt eine ganz andere Geschichte. Mit traumatisierten Kindern zusammen zu leben, ihnen gut zu tun, setzt nicht nur eine bestimmte Haltung voraus, die weder geprüft werden kann, noch in den Pflegeelternkursen vermittelt wird. Es setzt vor allem auch eine große Menge Wissen voraus. Was ist ein Trauma? Wie kann ich es schaffen, dass Kinder, die Beziehung als Gefahr kennengelernt haben, trotzdem wieder eine Beziehung aufnehmen?

Es geht in diesem Zusammenhang nicht um ein bisschen Pädagogik, dass man mal eben in die Menschen trichtert.

Langfristig glaube ich nicht an die oben erwähnte Ersparnis. Knapp 1% aller deutschen Kinder leben in Pflegeverhältnissen in Deutschland. Das wären bei den oben erwähnten 30% gescheiterter Unterbringungen knapp 40.000 Kinder, die mit 14-16 Jahren ein zweites Mal traumatisiert werden. Die lernen, dass es keine tragfähigen Beziehungen gibt

Und ebenso viele Fälle von Pflegeeltern, die sich eingesetzt haben und scheitern. In einer Zeit, wo es kein Jugendamt gibt, dass nicht großartige Kampagnen starten muß, um überhaupt noch Pflegeeltern zu finden, kann ich eigentlich nur hoffen, dass diese Pflegeeltern laut werden, sich beschweren. Und gleichzeitig weiß ich, dass das Gegenteil der Fall sein wird. Diese Eltern werden sich selbst oder dem Kind die Schuld am Versagen geben.

Die eigentlich Zuständigen sitzen in den Jugendämtern. Sie glauben,

  • Pflegeeltern seien ein professionelles Hilfesystem, lassen ihnen keinerlei weitere Hilfe zukommen (Weil man kann ja nicht einem Hilfesystem zusätzliche Hilfe angedeihen lassen, das macht ja wirtschaftlich keinen Sinn),
  • haben keinerlei Kenntnisse über den aktuelle Forschungsstand (Warum auch, dass was sie im Studium vor 30 Jahren gelernt haben, stimmt ja immer noch)
  • freuen sich über jeden Euro, der im Hilfesystem eingespart wurde oder – und in meinen Augen ist das sogar noch schlimmer – wissen, dass diese Entwicklung den Kindern schadet, wagen sich aber nicht, der wirtschaftlichen Jugendhilfe zu widersprechen.
  • sehen sich nicht in der Verantwortung für die Ihnen anvertrauten Kindern. (Aber das ist ein vollkommen anderes Thema)

und wundern sich dann, wenn das Scheitern folgt.

Das gilt selbstverständlich nicht für alle Jugendämter, aber die Reform des SGB VIII, die in den Startlöchern steht, wird die Situation gewiß noch verschärfen. Ein Beispiel: Eine gerichtliche Überprüfung von Jugendamtsentscheidungen soll verhindert werden. Stattdessen sollen Ombudsstellten als Beschwerdemöglichkeit eingeführt werden. Nun planen bereits Jugendämter den Aufbau einer solchen Ombudsstelle. Ohh, das klingt sinnvoll: Eine Beschwerdestelle im Amt, das die Entscheidung getroffen hat. Wer jemals einen Streit mit einem Jugendamt ausgefochten hat, weiß was das bedeutet.

Ich bleibe der festen Überzeugung, dass Pflegeeltern für viele Kinder wichtig sind. Dass schon viele Pflegekinder eine neue, heilende Erfahrung gemacht haben, was Familie auch bedeuten kann. Aber die Wertschätzung der Arbeit der Pflegeeltern zeigt sich leider in vielen Bereichen deutlich.

Und Pflegekinder und Pflegeeltern auf dem Scheiterhaufen der Kostenersparnis brennen zu lassen wird gesellschaftliche Folgen haben, die in der Zukunft bezahlt werden müssen. Und sei es nur, weil ein zur Kostenersparnis falsch untergebrachtes Kind, eben nicht zu einem Teil unserer Gesellschaft entwickelt.

In einem meiner Podcast-Interviews (Folge 11 – Traumatherapie) schildert Frau Michalik-Imfeld sehr schön, dass in ihren Augen ein großer Teil der in Haftanstalten verweilenden jugendlichen Straftäter, vor allem eines ist: Traumatisiert!

Na dann viel Spaß!